22.04.2010, Schaffhauser Nachrichten

Atomare Abfälle hemmen die Entwicklung

Die Lagerung von nuklearenAbfällen hemmt gemäss einer gestern präsentierten Studie den Zuzug von weiteren Bewohnern und Unternehmen.

von Walter Joos

Projektleiter Jürg Kuster erläutert im Beisein von Stellvertreter
Guido Cavelti, Regierungsrat Reto Dubach, Regierungspräsident
Erhard Meister, Regierungsrätin Ursula Hafner-Wipf, Sozialwis-
senschaftler Urs Bieri und Professor Christian Fichter (v. l. n. r.)
die auf hypothetischen Annahmen beruhenden sozioökonomi-
schen Auswirkungen eines Tiefenlagers

Bild Schwyn Hoffmann

Auf welche Weise wirkt sich der Bau und Betrieb eines Tiefenlagers für radioaktive Abfälle auf die weitere Entwicklung des Kantons Schaffhausen aus? Dieser Frage ging in den vergangenen 18 Monaten ein interdisziplinär zusammengesetztes Team unter der Leitung von Jürg Kuster nach. Das Ergebnis der gemachten Recherchen wurde gestern von den Exponenten der Projektgruppe anhand eines rund 150 Seiten umfassenden Berichtes im Haus der Wirtschaft vorgestellt und von den Ver- tretern des Regierungsrates des Kantons Schaffhausen kommentiert.

Unterschiedliche Auswirkungen

Nach Aussage von Projektleiter Jürg Kuster ergeben sich in der Phase des bis 2020 dauernden Standortauswahlverfahrens so- wie in der mehr als 30 Jahre dauernden Phase von der Erteilung der nuklearen Baubewilligung bis zum Abschluss der Einlagerung radioaktiver Abfälle - zwischen 2030 und 2065 - eine Vielzahl von unterschiedlichen Auswirkungen. Zum einen entstehen durch die Aufträge und die Mitarbeitenden der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radio- aktiver Abfälle (Nagra) substanzielle Beschäftigungs- und Einkommenseffekte. Zum andern führt jedoch die Realisierung eines Tiefenlagers während der genannten Phasen infolge verminderter Zuwanderung zu einer erheblichen Verringerung des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums im Kanton Schaffhausen.

Sozioökonomische Studie auf- grund von Hypothesen

Die im Auftrag der Regierung von der in Zürich niedergelassenen Brugger und Partner AG verfasste und gestern in Schaffhausen vor- gestellte Studie - Kostenpunkt: 250'000 Franken - untersucht die sozioökonomischen Auswirkun- gen eines in der Region erstellten und betriebenen Tiefenlagers für nukleare Abfälle auf den Kanton Schaffhausen. Während die Ab- schätzung der unmittelbaren Effek- te auf den Angaben der Nagra beruhen, basiert die Abschätzung der mittelbaren (Image-)Effekte aus eigenständigen Untersuchun- gen über die subjektive Wahr- nehmung der Gefahren oder der sonstigen Nachteile der Lagerung von atomaren Abfällen. Zu diesem Zweck wurden zahlreiche Einzel- personen und Geschäftsleitungen befragt. Zur Auswertung der hypo- thetischen Absichtserklärungen wurden mit Urs Bieri und Christian Fichter zwei kompetente Partner einbezogen. (W. J.)

Abwanderung wenig wahrscheinlich

Aus der Sicht der Verfasser der gestern erläuterten Studie ist davon auszugehen, dass sich neue Unternehmen beim Bau und Betrieb eines Tiefenlagers nicht mehr im gleichen Ausmass im Kanton Schaffhausen ansiedeln. Eine Abwan- derung ansässiger Firmen infolge eines Tiefenlagers sei zwar nicht zu erwarten. Der Zuzug würde jedoch infolge der mit Lagerung radioaktiver Abfälle verbundenen Image- einbusse erheblich gedrosselt. Weniger zuwandernde Einwohner bedeutet natürlich auch weniger Nachfrage im Bereich der Dienstleistungen im Kanton Schaffhausen. Zudem ziehen weniger neu geschaffene Arbeitsplätze auch eine geringere Zuwanderung im Kanton Schaffhausen nach sich.

Negative Effekte überwiegen

Ein Tiefenlager für radioaktive Abfälle löst zwar laut Aus- sage von Projektleiter-Stellvertreter Guido Cavelti vor allem in der arbeitsintensiven Bau- und Betriebsphase positive Beschäftigungseffekte im Kanton Schaffhausen aus. Diese sind jedoch befristeter Natur und vermögen die ent- gangenen Zuwächse bei Bevölkerung und Arbeitsplätzen bei Weitem nicht zu kompensieren. Bezogen auf die Steuererträge der juristischen und natürlichen Personen, entginge dem Kanton Schaffhausen - basierend auf den gegenwärtigen Steuererträgen - in den nächsten 50 Jahren ein Steuerertragswachstum in der Grössenordnung von 24 Millionen. Dies entspricht gemäss der auf hypothetischen Annahmen beruhenden Bilanz der gestern publizierten Studie etwa dem 2008 verbuchten Steuerertrag von Kanton und Gemeinden durch natürliche und juristische Personen.

Verlangsamte Wertschöpfung

Massgebend für die prognostizierte Dämpfung des Wachstums der jährlichen Steuererträge sind ein entgangenes Bevölkerungswachstum bis 2050/65 von 2000 bis 5000 Personen - das entspricht etwa drei bis sieben Prozent der heutigen Wohnbevölkerung von 75'000 Personen - sowie ein entgangenes Arbeitsplatzwachstum zwischen 1000 und 2000 Vollzeitäquivalenten. Das entspricht etwa drei bis sieben Prozent der heute vorhandenen 32 000 Vollzeitstellen. Diese Zahlen beruhen zwar laut Aussage der an der Studie beteiligten Fachleuten auf hypothetischen Annahmen. Doch selbst beim bestmöglichen Szenario des von den Fachleuten gewählten Prognosemodells zeigt sich, dass ein atomares Tiefenlager eine echte Gefahr für das Image des Kantons Schaffhausen darstellt. Diese könnte zudem durch unvorhersehbare Störfälle gleichsam über Nacht erheblich vergrössert werden.

Subjektiv empfundene Gefahren

Sollte der Standort Schaffhausen wiederholt mit Atommüll in Verbindung gebracht werden, wären gemäss den Analysen von Wirtschaftspsychologe Christian Fichter, Professor an der Kalaidos Fachhochschule, bei vielen Menschen unbewusste Assoziationen zu erwarten, wie sie sich heute in der Bevölkerung gegenüber Gösgen, Mühleberg oder Kölliken mani- festieren. Die objektive Gefährlichkeit des Tiefenlagers ist zwar nach Ansicht des an der Studie beteiligten Wirtschaftspsychologen als vergleichsweise gering einzuschätzen. Wesentlich gewichtiger für die Imagebildung sei jedoch die wahrgenommene Gefährlichkeit. Diese ist bei allem, was mit Atomtechnologie zu tun hat, subjektiv gegeben. Zusätzlich können Aktionen in der Öffentlichkeit und Berichte in den Medien die Aufmerksamkeit gegenüber der subjektiv empfundenen Gefährlichkeit beeinflussen. Die individuellen und ökonomischen Nachteile, die sich daraus für Schaffhausen und seine Bevölkerung ergeben würden, sind nach Ansicht des Experten darum erheblich, weil sich Menschen sehr oft vom Image beeinflussen lassen.

Nachhaltige Beeinträchtigung

Wenngleich eine genaue Quantifizierung des Imageschadens schwierig sei, so das Fazit der beauftragten Experten, so müsse doch angenommen werden, dass die negativen Auswirkungen auf das Image des Kantons die Entwicklung des Standortes nachhaltig beeinträchtigen würden.


Folgerungen des Regierungsrates Nukleare Tiefenlager schaden dem Ansehen und würgen die unerlässliche Revitalisierung ab

Provisorische Planungsperimeter der beiden von der Nationalen
Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra)
vorgeschlagenen Tiefenlagerstandorte im Südranden (rot) und
im Weinland (grün).

Grafik Brugger und Partner AG

Tiefenlager für nukleare Abfälle würden den unerlässlichen Zuzug von Unternehmen und Einwohnern nach Schaffhausen über mehrere Jahrzehnte markant vermindern. Das stellte Regierungspräsident Erhard Meister aufgrund der Ergebnisse der gestern vorgestellten Studie der Brugger und Partner AG fest. Der Regierungsrat wende sich deshalb entschieden gegen die beiden in unmittelbarer Nähe zu Schaff- hausen zur Diskussion stehenden Lager- standorte. Im Vergleich zu den eher bescheidenen und zeitlich begrenzten positiven wirtschaftlichen Effekte wiege die mutmassliche Entwertung von Immobilien und der gleichzeitig zu erwartende Image- schaden für die Wohnregion und den Wirtschaftsstandort Schaffhausen sehr schwer. Die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckenden mittelbaren Effekte wirken sich auf die von der Regierung angestrebte Zuwanderung von zusätzlichen Einwohnern und die Verjüngung der Bevölkerung sowie auf die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen und die Erhöhung der Steuererträge negativ aus. Das gelte in gleicher Weise für den Bau und den Betrieb eines Lagers für schwach-, mittel- oder hochaktive Abfälle. «Der Kanton Schaffhausen würde sich durch ein Tiefenlager im Einzugsgebiet seines regionalen Zentrums einen massiven Standortnachteil einhandeln und den eigentlichen Motor für eine weitere gedeihliche Entwicklung ins Stottern bringen», stellte Regierungspräsident Erhard Meister gestern fest. Die Regierung setze sich nicht aus «Wachstumseuphorikern» zusammen. Für eine gute Zukunft sei der Kanton jedoch auf einen weiteren Zuzug von Einwohnern und Unternehmungen angewiesen.

Die Exekutivmitglieder, die sich gestern äusserten – dazu zählten neben Regierungspräsident Erhard Meister auch die Regierungsräte Reto Dubach und Ursula Hafner-Wipf –, kritisierten ausserdem die einseitige Gewichtung der technischen Aspekte durch die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle. Aus ihrer Sicht werden die volkswirtschaftlichen Aspekte zu wenig und zu spät in das bereits seit mehreren Jahren laufende Verfahren einbezogen. Sie fordern darum die Bundesbehörden zu einer raschen und gleichwertigen Berücksichtigung der sozioökonomischen Effekte auf. Dazu gehören laut Reto Dubach insbesondere auch die Auswirkungen auf die Raumentwicklung und die Energiepolitik. Auch die mit einem Endlager verbundenen emotionalen Aspekte lassen sich laut Ursula Hafner-Wipf nicht einfach ausblenden. Die Radioaktivität sei – so Erhard Meister – keine harmlose Sache. Die persönliche Einschätzung der damit verbundenen Gefahren falle sowohl bei der einheimischen Bevölkerung innerhalb der Region als auch bei potenziellen Zuzügern ausserhalb der Region unterschiedlich aus.

Die im Rahmen des laufenden Verfahrens erwogenen einmaligen Entschädigungszahlungen zugunsten der am Standort von atomaren Tiefenlagern befindlichen «Kerngemeinden» betrachtet der Regierungsrat als den falschen Weg. Sie vermögen - so Erhard Meister - die aufgrund der neuen Studie tatsächlich anfallenden negativen Effekte weder hinreichend noch dauerhaft auszugleichen. Für die Mitglieder der Exekutive kommen letztlich nur substanzielle Dauerentschädigungen zugunsten aller in der Standortregion liegenden Gemeinden sowie eine langfristige Solidarhaftung des Bundes im Fall eines Schadenereignisses in Frage. (W. J.)

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