22.04.2010, Schaffhauser AZ

Regierungsrat präsentiert sozio-ökonomische Studie zu Atommülllagern

Lähmend auf Jahrzehnte hinaus

Es ist eine Pionierarbeit: Im Auftrag des Regierungsrats haben interdisziplinär arbeitende Meinungsforscher und Psychologen eine Studie zu den sozio-ökonomischen Auswirkungen von Atomendlagern auf die Region erstellt. Jetzt liegt sie vor. Die Resultate sind erschreckend.

Praxedis Kaspar

Sie standen Red und Antwort: (von links) Meinungsforscher
Guido Cavelti, die Regierungsräte Reto Dubach,Erhard Meister,
Ursula Hafner und die Psychologen Urs Bieri und Christian
Fichter sowie Projektleiter Jürg Kuster (stehend).

Foto: Peter Pfister

Einfach war das nicht: Die Meinungsforscher der Firmen BHP Brugger und Partner AG sowie BHP Hanser und Partner AG haben in Zusammenarbeit mit dem Psychologischen Institut der Universität Zürich eine Studie erarbeitet über Dinge, die es nicht gibt, und die es, wenn die Endlager kommen, niemals geben wird. Es geht um ausbleibende Steu- ereinnahmen und ein Bevölkerungswachs- tum, das nicht stattfindet, ein Image, das Schaden leidet - es geht, alles in allem, um die gedeihliche und nachhaltige Entwicklung der Region am nördlichen Rand der Schweiz, die möglicherweise niemals statt- finden wird. Anders gesagt: Es geht darum, die unmittelbaren und die mittelbaren Aus- wirkungen eines Endlagers für hochradio- aktiven Atommüll in Benken oder eines Endlagers für schwach- und mittelradioaktive Atomabfälle am Südranden zu beschreiben, bevor sie eintreten. Die Fachleute haben dafür mit relevanten Akteuren gesprochen, sich auf die Daten der Nagra gestützt und vorhandenes Wissen «extrapoliert» - konnten aber nicht auf Erfahrungswerte zurückgreifen, weil es eine vergleichbare Situation noch nicht gegeben hat. In dieser Lage, und wissend um das fehlende Mitspracherecht der Kantone, hat sich der Schaffhauser Regierungsrat ent- schlossen, die nun vorliegende unabhängige Studie erstellen zu lassen: Die Resultate werden ihm als Argumentationshilfe dienen im Kampf gegen die Endlager, der zum Glück gesetzlich verankert ist - auch das eine Schaffhauser Besonderheit.

Dicke Post

Die Studie präsentiert sich als eine stattliche Broschüre mit logisch aufgebautem und gut lesbarem Inhalt. Dargestellt werden die unmittelbaren, also die direkten, und die mittelbaren, also die indirekten Auswirkungen der geplanten Endlager für die Bevölkerung und die Wirtschaft des Kantons Schaffhausen. Die Haupteffekte werden eintreten in der Zeit der Standortwahl bis etwa 2020 und in der Zeit der Einlagerung zwischen 2030 und 2065. Die Auswirkungen eines Endlagers für hochradioaktiven Müll gleichen denen eines Endlagers für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll. Die Nagra beschreibt den Zeitraum vom Standortentscheid für ein Tiefenlager bis zum Verschluss nach erfolgter Einlagerung der radioaktiven Abfälle als hundertjährigen Prozess. Unmittelbare Effekte haben Planung, Bau und Betrieb eines Endlagers, weil sie zu Aufträgen an die Schaffhauser Wirtschaft und zu einem zusätzlichen Güterverkehr führen, was, allerdings nur vorübergehend, Einfluss auf Beschäftigung und Steuereinkommen von Kanton und Gemeinden hat. Zu den mittelbaren Effekten gehören die Wahrnehmung der Qualität des Kantons Schaffhausen als Wirtschafts- und Wohnstandort sowie als Tourismusdestination - und diese Wahrnehmung hat Einfluss auf die Entwicklung der Wohnbevölkerung und des Wirtschaftsstandortes. Anders gesagt: Wer Schaffhausen als Atomloch wahrnimmt und weiss, dass in dessen Untergrund radioaktive Abfälle lagern, die am eigenen Garten vorbei angekarrt werden, dürfte sich zweimal überlegen, ob er seine Firma oder seine Familie oder beides zusammen in eine solch gebrandmarkte und entwicklungsverzögerte Region verlagern soll.

Der Standpunkt
Sie präsentierten die sozio-ökono- mische Studie gestern vor den Vertreterinnen und Vertretern re- gionaler und nationaler Medien im Haus der Wirtschaft: Regierungs- präsident Erhard Meister, Regie- rungsrätin Ursula Hafner-Wipf und Regierungsrat Reto Dubach - alle- samt mit dem Dossier Endlager befasst. Ihnen zur Seite sassen Projektleiter Jürg Kuster von der Beratungsfirma BHP Brugger und Partner AG mit seinem Fachteam sowie der Universitätsprofessor Christian Fichter vom Psycholo- gischen Institut der Uni Zürich.
Der Schaffhauser Regierungsrat zieht folgende Schlüsse aus der Studie: «Atomendlager schwä- chen die Entwicklung des Kantons über Jahrzehnte hinweg schwer- wiegend. Sie haben eine negative Wirkung wegen des Imagescha- dens für den Wohnund Wirt- schaftsstandort. Die dringend nötige Revitalisierung wird abge- würgt, die Wettbewerbs- und Investitionsfähigkeit wird massiv geschwächt. Der Regierungsrat lehnt Endlagerstandorte in der Agglomeration Schaffhausen ab, weil der Kanton sich dadurch massive Standortnachteile ein- handeln würde. (P.K.)
Die Studie ist zu finden unter:
www.sh.ch/Dokumente.999.0.html

Image im Eimer

Der Psychologieprofessor Christian Fichter von der Uni Zürich stellt im Rahmen der Studie fest, «... dass ein mögliches Tiefenlager für radioaktive Abfälle eine Gefahr für das Image des Standorts Schaffhausen darstellt. Ein potenzieller Imageschaden betrifft einerseits die abstrakte Vorstellung von Individuen gegenüber Schaffhausen im Allgemeinen, andererseits umfasst ein Standortimage ganz direkt auch die Wahrnehmung einzelner Imagedimensionen wie zum Beispiel Umweltbelastung, Lebensqualität, Attrak- tivität als Wohnort». Die Wahrnehmung dieser Faktoren, schreibt Fichter weiter, sei entscheidend dafür, ob jemand in der Region Wohnsitz nehme oder sich mit seiner Firma ansiedle oder eben nicht. Firmenbosse haben Angestellte, und Angestellte haben Familien, die mitzügeln müssen.

Dass solche Entscheide angesichts eines Endlagerbaus vermehrt negativ ausfallen können, wird mit fortschrei- tender Lektüre klar: Die Verfasser erwarten, dass dem Kanton Schaffhausen in der Phase der Standortauswahl bis etwa 2020 ein bis zwei Prozent der heute 32'000 Arbeitsplätze entgehen werden, weil sie gar nicht erst entstehen. Der Regierungsrat aber plant für die nähere Zukunft ein Wachstum auf 42'000 Arbeitsplätze. Die Bevölkerung soll nach den Zielen der Regierung auf 80'000 Personen anwachsen, gesucht werden junge Familien, weil sie für die Durchmischung der Bevölkerung nötig sind und eine Region in jeder Hinsicht beleben. Aber auch diese Zuwanderung wird vermindert, ebenfalls um bis zu zwei Prozent der aktuellen Einwohnerzahl. In der Folge werden Steuererträge ausbleiben, und zwar in der Höhe von einem bis zwei Prozent der Erträge von 2008, was einem verringerten Wachstum der jährlichen Steuererträge um 4 bis 7 Millionen Franken entspricht.

Dauerhaft geprägt

Damit ist klar, dass die Entwicklungsziele, die der Regierungsrat erreichen will, nicht umge- setzt werden könnten, nämlich «das nachhaltige Wachstum von Wirtschaft, Bevölkerung und Steuersubstrat bei gleichzeitiger Erhaltung der Wohlfahrt und Lebensqualität».

Für die Zeitspanne bis etwa Ende 2065 - es wären dann, gegebenenfalls, die Abfälle einge- lagert, und zwar die hochradioaktiven in Benken, die schwach- und mittelaktiven am Südranden - stellen die Autoren fest, dass die Erträge aus Bau und Betrieb der Endlager die entgangenen Steuereinnahmen bei weitem nicht kompensieren könnten, so wenig wie die eigentlichen Kompensationszahlungen von rund 300 Millionen Franken, die gerade mal neun bis zwanzig Jahre lang für einen gewissen Ausgleich sorgen könnten.

Bis 2050/65, also dem Ende der Einlagerungszeit am Südranden respektive in Benken, werden dem Kanton Schaffhausen Steuererträge von 9,8 bis 25,4 Millionen Franken ent- gehen, was wiederum zwei bis fünf Prozent des Steuerertrags von 2008 entspricht, wobei der Ausfall bei den natürlichen Personen noch stärker sein dürfte als bei den Firmen. Das ent- gangene Bevölkerungswachstum wird zwei bis sechs Prozent der aktuellen Bevölkerungszahl von 75'000 Personen umfassen, zwei bis fünf Prozent der heute 32'000 Arbeitsplätze werden auch in diesem Zeitraum nicht geschaffen, der Wohnungsbau wird sich weit weniger stark entwickeln als angestrebt. Auch nach 2065, wenn die Abfälle tief im Boden eingeschlossen in ihren Fässern «ruhen», werden die Lager Auswirkungen haben - es fehlen dem Kanton Schaffhausen auch in Zukunft Steuereinnahmen von rund 33 Millionen Franken pro Jahr, die Bevölkerungszahl wird ein Minderwachstum aufweisen, in Schaffhausen werden weniger Arbeitsplätze geschaffen als anderswo. Das ausbleibende Wachstum, schreiben die Verfasser, «wird den Kanton Schaffhausen dauerhaft prägen, der weitere Entwicklungspfad der Region wird mitgestaltet vom Entscheid über den Bau von Endlagern». Abschliessend stellen sie die Grundsatzfrage, «ob und inwiefern eine einmalige Abgeltung für ein Tiefenlager mit Wirkungsdauer von mehreren Jahrtausenden eine angemessene Lösung darstellt».

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