28.01.2010, Schaffhauser Nachrichten

Weitere Untersuchungen empfohlen

Noch immer steht der Opalinuston für die Entsorgung radioaktiver Abfälle im Fokus. Doch andere Gesteine sollten gemäss KNS noch weiter untersucht werden.

von Robin Blanck

Gestern wurde die Stellungnahme der Eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit (KNS) veröffentlicht, damit liegen nun alle sicherheitstechnischen Beurteilungen vor. Es han- delt sich bei dem vorgelegten Bericht um eine Überprüfung der Überprüfung. Das bedeutet: Die KNS hat nun zur im Februar vom Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI) und von der Kommission für nukleare Entsorgung (KNE) vorgelegten Beurteilung der Nagra-Vorschläge Stellung bezogen. Und die grosse Überraschung ist ausgeblieben: Die KNS schliesst sich der Zustimmung von ENSI und KNE zu den von der Nagra vorgeschlagenen Standorten (Südranden, Zürcher Weinland, Nördlich Lägeren, Bözberg, Jura-Südfuss und Wellenberg) für ein Tiefenlager an. Die Überprüfung durch die ENSI sei detailliert und gemäss den Vorgaben des Sachplans Geologisches Tiefenlager erfolgt, wie die KNS erklärt.

Sachplan
Anhörung der Beteiligten be- ginnt im Spätsommer
Mit der Stellungnahme der KNS sind die Beurteilungen der von der Nagra eingereichten Standortvor- schläge komplett. Das Bundesamt für Energie wird die Unterlagen nun aufbereiten, sodass die drei- monatige Anhörung im Spätsom- mer beginnen kann. Dabei erhal- ten Kantone, Nachbarstaaten, Par- teien und Organisationen die Mög- lichkeit, sich zu den vorgeschla- genen Standorten zu äussern. Mitte 2011 wird der Bundesrat einen Entscheid fällen, welche Standortgebiete im Auswahlver- fahren in Etappe 2 (2011 – 2014/15) verbleiben. In dieser Etappe wird die Auswahl auf mindestens zwei Standorte pro Abfallkategorie eingeengt. In der dritten und letzten Etappe, die voraussichtlich von 2014/15 bis 2018/19 dauert, werden die ver- bleibenden Standorte vertieft un- tersucht und die sicherheitstech- nischen und geologischen Kennt- nisse zum Beispiel durch Sondier- bohrungen weiter vertieft. (r.)

«Überlegener Opalinuston»

Bestätigt werden auch die Einschätzungen bezüglich der Eignung der Standorte: Der Südranden wird als «sehr geeignet» für die Lagerung schwach- und mittelaktiver Ab- fälle (SMA) betrachtet, Gleiches gilt für das Zürcher Wein- land, dort allerdings für die Lagerung von hoch-, mittel- und schwachaktiven Abfällen. Analog zum ENSI-Gutachten fällt auch die Einschätzung der anderen Standorte für ein SMA-Lager aus: Bözberg (sehr geeignet), Nördlich Lägeren (geeignet), Jura-Südfuss (geeignet), Wellenberg (geeignet). Ebenso hat sich auch bei den Standorten für eine Lager mit hochaktiven Abfällen (HAA) keine Verän- derung ergeben: Nördlich Lägeren (günstig), Bözberg (günstig). Oder anders ausgedrückt: Das Weinland steht bisher weit, wenn nicht ganz oben auf der Liste. Denn wie bereits frühere Gutachten kommt auch die KNS in ihrem Bericht zum Schluss, dass der Opalinuston das am besten geeignete Wirtsgestein für die Lager der strahlenden Abfälle ist: «Vorbehaltlos stimmt die KNS der Beurteilung des ENSI zu, dass der Opalinuston das einzige der be- trachteten Wirtgesteine ist, das alle verschärften Anfor- derungen für ein HAA-Lager erfüllt. Nach Ansicht der KNS ist dieses Gestein für Tiefenlagerung von radioaktiven Abfällen allen anderen Gesteinsformationen in der Schweiz überlegen.» Das Resultat der Begutachtung fand denn auch positive Aufnahme in Nidwalden: Die Nidwaldner Regierung erklärte gegenüber der SDA, das Gutachten stärke ihr den Rücken, und man gab sich überzeugt, dass der Wellenberg nun aus dem Auswahlverfahren für ein Atommüll-Endlager ausscheiden muss. Die Freude dürfte nicht ganz unbegründet sein, hatten doch die KNE wie auch das ENSI den Wellenberg trotz einiger positiver Eigenschaften als deutlich weniger geeignet bewertet.

Ungleicher Wissensstand

Im KNS-Bericht finden sich indes weitere Einschätzungen, die auch die anderen Standorte betreffen. Wie die Kommission festhält, ist der Wissensstand über die verschiedenen potenziell möglichen Wirtsgesteine «recht unterschiedlich, da nicht alle gleich gründlich untersucht sind». Umfangreiche und gut belegte Daten lägen primär für jene Gesteine vor, welche die Nagra spezifisch im Hinblick auf Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle untersucht habe, so etwa die Kristallingesteine, die Mergel des Wellenbergs und der Opalinuston. Dieser Wissensstand ist aber bei der weiteren Einengung der möglichen Standorte entscheidend, zumal ungenügende Kenntnisse gemäss KNS durch «konservative Annahmen» abgedeckt werden müssen. Das heisst: Wenn man weniger Daten hat, wird eher eine schlechtere Eignung oder geringere Qualität angenommen. Die Vorgaben des Sachplans bedeuten gemäss KNS aber, dass die provisorischen Sicherheitsanalysen zu den Standorten in den verschiedenen Standortgebieten hinsichtlich «Konservativität und Robustheit» vergleichbar sein müssen. Die Frage, ob dies mit dem unterschiedlichen Wissensstand möglich sei, ist laut KNS-Bericht «noch nicht beantwortet». Die Kommission gibt aber zum weiteren Vorgehen auch konkrete Empfehlungen zuhanden des Bundes ab: «Die KNS geht davon aus, dass für vergleichbare provisorische Sicherheitsanalysen zusätzliche erdwissenschaftliche Unter- suchungen erforderlich sind.» Als mögliche Techniken werden 3-D-Seismik, Tiefbohrungen, Datierungen genannt. Um Verzögerungen zu verhindern, empfehlen die KNS-Experten weitere Untersuchungen und raten, deren Durchführung mit höchster Priorität anzugehen. «Es geht darum, gleich lange Spiesse zu schaffen: Man muss die verschiedenen potenziellen Standorte mit den gleichen Methoden untersuchen», erklärt Geologe Buser. An jenen Standorten, die noch weniger untersucht worden sind, müsste man nun nochmals aktiv werden. Ob der Bund diese Empfehlung beherzigt, wird sich erst noch weisen müssen.

Gasbildung als Gefahr

Besonderes Augenmerk legt die KNS auch auf die Frage nach der Gasbildung: Stahlbehälter neigen gerade im Opalinuston zu starker Korrosion, was eine Gasbildung zur Folge hat. Sehr dichte Wirtsgesteine wie der Opalinuston können aber durch entstehenden Überdruck beschädigt werden. «Wenn dann Wasser eindringt, wäre das ein Worst-Case-Szenario.» Deshalb begrüsst die KNS die Suche nach alternativen Behältermaterialien. «Diese Frage muss noch gelöst werden», sagt Buser.

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