29.05.2010, Tages-Anzeiger

«Grundsatzfragen zur Sicherheit sind geklärt»

Die Schweizerische Energiestiftung kritisiert das Entsorgungskonzept für nukle- aren Abfall. Was die Nagra zu den Vorwürfen meint.

Mit Markus Fritschi sprach Martin Läubli

Markus Fritschi Markus Fritschi
Der Physiker ist Mit-
glied der Geschäfts-
leitung der Nationa-
len Genossenschaft
für die Lagerung
radioaktiver Abfälle
(Nagra).

TA: Herr Fritschi, die Schweizerische Energiestiftung (SES) kritisiert, die Nagra suche nach Standorten für die Lagerung nuklearen Abfalls, obwohl es noch viele offene wissenschaftliche Fragen gebe. Ist die Nagra zu vorschnell?

Markus Fritschi: Die Nagra beschäftigt sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Bau geologischer Tiefenlager und kommt zum Schluss, dass sichere Tiefenlager rea- lisierbar sind. Das bestätigen die unabhängige Aufsichtsbehörde Ensi und Experten im Inund Ausland. Der Bundesrat erklärte deshalb 2006, dass der Nachweis erbracht ist. Grundsätzlich wissen wir, wie ein Tiefenlager zu bauen wäre, nun müssen wir dafür den Standort suchen.

Gaukelt die Nagra damit nicht vor, dass alle technischen Probleme gelöst sind?

Überhaupt nicht. Die grundsätzliche Machbarkeit ist nicht infrage gestellt. Aber um ver- schiedene noch offene Fragen im Detail beantworten zu können, müssen wir in der Stand- ortwahl Fortschritte machen.

Nehmen wir das Beispiel Zürcher Weinland, ein Favorit unter den sechs möglichen Standorten. Das Konzept sieht den Bau einer unterirdischen Rampe vor. Besteht nicht die Gefahr, dass das Wirtsgestein, der Opali- nuston, dadurch ver- letzt und undicht wird?

Ein Vorteil von Tonge- steinen wie dem Opali- nuston ist, dass sich Risse bei Kontakt mit Gebirgswasser selber ab dichten. So verbleiben im Gestein keine Fliess- wege für Wasser. Um die Schutzfunktion des Ge- steins wiederherzustel- len, werden beim Ver- schluss des Lagers die Zugänge im Wirtgestein mit quellfähigem Bentonit versiegelt.

Warum baut man kein oberirdisches Lager, schliesslich werden der- zeit die radioaktiven Ab- fälle im Zwischenlager Würenlingen oberirdisch gelagert?

Eine geologische Tiefen- lagerung ist im Kernen- ergiegesetz festge- schrieben. Unabhängige Experten hatten festge- stellt, dass nur ein Tie- fenlager die erforder- liche Langzeitsicherheit zu gewährleisten ver- mag. Stellen Sie sich beispielsweise vor, was mit einem Lager an der Oberfläche bei der nächsten Eiszeit passieren würde, wenn Gletscher wieder ins Mittelland vorstossen. Ein Lager für hochradioaktive Abfälle muss sicher sein, bis die Radioaktivität nach rund 200'000 Jahren auf natürliche Werte wieder abgeklungen ist.

Die Kommission für Nukleare Entsorgung (KNE) hat bemängelt, dass die Nagra die Tiefenerosion vorstossender Gletscher geologisch noch zu wenig untersucht hat?

Weil neue Eiszeiten zu erwarten sind, muss ein geologisches Tiefenlager so tief gebaut werden, dass es gegen eine Freilegung durch einen Gletscher geschützt ist. Bei der Wahl der geologischen Standortgebiete – denen auch die KNE zustimmt – wurde daher eine Mindesttiefe vorgegeben, um auf der sicheren Seite zu liegen ...

… und trotzdem wird weiter untersucht?

Ja, um ein besseres Verständnis zur glazialen Geschichte im Schweizer Mittelland und für eine Modellierung der Tiefenerosion zu gewinnen, wird sich die Nagra weiterhin an ent- sprechenden Arbeiten beteiligen.

Irgendwann wird das Lager sich selbst überlassen?

Bevor die ersten Abfälle eingelagert werden dürfen, muss im Massstab 1:1 gezeigt werden, wie sie aus verschlossenen Stollen zurückgeholt werden können, so das Gesetz. Ein schrittweiser Verschluss erfolgt erst, nachdem sich unsere Nachkommen überzeugt haben, dass sich das System wie erwartet entwickelt.

Nach wie vielen Jahren?

Wie lange es bis zum Verschluss der Gesamtanlage dauert, ist nicht festgelegt – es können 50, 100 oder mehr Jahre sein. Und nach dem Verschluss wird die Überwachung von der Erdoberfläche fortgesetzt. Wir dürfen uns aber nicht darauf verlassen, dass alle unsere Nachkommen die Mittel und den Willen haben, die Überwachung weiterzuführen. Darum muss die An- lage so gebaut werden, dass auch ohne Überwachung die Langzeitsicherheit gewährleistet bleibt.

Aber ein Leck wäre dann nicht mehr auszumachen?

Absolute Sicherheit kann niemand garantieren. Was wir aber tun können, ist, Tiefenlager sehr sorgfältig und umsichtig zu planen, zu bauen und zu betreiben. Das wird von unseren Nachkommen überprüft, bevor der endgültige Verschluss durch den Bundesrat an- geordnet werden kann. Nach menschlichem Ermessen ist damit eine unzulässige Freisetzung ausge- schlossen.

Bleiben wir beim Opalinuston. Die SES kritisiert, es sei ungewiss, wie das Meerwasser im Opalinuston auf den Stahl der Lagerungsbehälter reagiert. Es könne ein hochexplosives Gas entstehen.

Wasserstoff kann nach dem Verschluss entstehen, wenn der freie Sauerstoff im Lager aufgebraucht ist, nicht beim Einlagerungsbetrieb. Das nicht radioaktive Gas im Tiefenlager kann unter den dort herrschenden Bedingungen nicht explodieren. Weil das Gestein aber sehr dicht ist, wird sich langsam ein Gasdruck auf- bauen. Im Felslabor Mont Terri laufen schon seit etlichen Jahren Untersuchungen, wie das Wasser- stoffgas sich im Gestein bewegt. Bei Bedarf könnte der Stahlbehälter auch durch einen praktisch nicht korrodierenden Kupferbehälter ersetzt werden. So würde sich die Frage der Gasentwicklung nicht mehr stellen.

Diese Frage ist also noch nicht abschliessend geklärt?

Ein Entscheid, welches Behältermaterial letztlich eingesetzt wird, muss frühestens 2030 ge- troffen werden, wenn das Lager bezugsbereit sein muss. Bis dann wird es in der Materialtechnologie weitere Fortschritte geben. Denkbar ist zum Beispiel, Behälter einzu- setzen, die mit nicht korrodierender Keramik umhüllt sind.

Trotz jahrzehntelanger Forschung gibt es also noch einige offene Fragen. Wie unabhängig kann die Nagra forschen, zumal sie von den Atomkraftwerkbetreibern bezahlt wird?

Die grundsätzlichen Fragen zur Sicherheit sind geklärt. Die weiteren Arbeiten dienen der laufenden Optimierung und der Anpassung an die konkreten Standorte. Die Nagra nimmt im Sinne des Verursacherprinzips diese Aufgaben im Auftrag der Abfallverursacher war, auch für die Abfälle aus der Medizin, Industrie und Forschung. Wir hatten nie Probleme, die nötigen finanziellen Mittel für unsere umfassenden Arbeiten zu erhalten. Alle unsere Resultate werden veröffentlicht und von unseren Wissenschaftern an internationalen Tagungen diskutiert und von unabhängigen Stellen geprüft. In der Schweiz haben wir dazu die nötigen kompetenten Sicherheitsbehörden.


Anhörung der Betroffenen

Lange Suche nach Standorten

Es sind insgesamt 202 Gemeinden, die von den sechs möglichen Lagerstandorten für radioaktiven Abfall betroffen sind, 12 davon in Deutschland. Das Bundesamt für Energie bereitet nun eine dreimonatige Anhörung vor, die im Spätsommer gestartet werden soll. Kantone, Nachbarstaaten, Parteien und Organisationen erhalten Gelegenheit, sich zu den Behördengutachten zu äussern. Der Bundesrat wird voraussichtlich Mitte 2011 entscheiden, für welche der sechs Standorte die Evaluation fortgesetzt wird. Die Suche nach Lagerstandorten für schwach- und mittelradioaktive sowie für hoch radioaktive Abfälle soll zwischen 10 und 12 Jahren dauern. Die Beurteilung der sozioökonomischen und öko- logischen Kriterien soll von Mitte 2011 bis 2014/15 dauern. (SDA)

<<  Zurück

© 2010 KLAR! SCHAFFHAUSEN - Impressum/Disclaimer     |     Sitemap