09.09.2010, Schaffhauser Nachrichten

«Eigentlich haben wir nichts zu sagen»

Wie wird der Standort für ein Atommüll-Endlager bestimmt? Das wollte das Bundes- amt für Energie gestern Abend an einem Informationsanlass in Trüllikon aufzeigen. Die Experten mussten sich kritische Fragen gefallen lassen.

von Zeno Geisseler

Die erste Etappe der Suche nach einem Standort für ein Endlager für radioaktive Abfälle nähert sich ihrem Ende (siehe Kasten). Im Fokus stehen sechs potenzielle Standorte, darunter das Zürcher Weinland, weshalb das Bundesamt für Energie (BFE) die Bevölkerung gestern Abend zu einer Informationsveranstaltung in die Mehrzweckhalle in Trüllikon lud.

Die Besucher des Anlasses wurden von einem Spalier von Endlager-Gegnern begrüsst. Während eine Gruppe auf gelben Fässern trommelte, hielten andere schweigend Plakate in die Luft: «Genug der Altlasten für unsere Kinder», «genug der Allmacht der Energie- konzerne», «genug der Vernachlässigung erneuerbarer Energien» war da zu lesen. Einige Teilnehmer der Kundgebung hatten sich sogar den Mund mit Pflastern zugeklebt.

«Und wenn keiner das Lager will?»

«Was Sie sagen, wird berück- sichtigt. Engagieren Sie sich in der Endlagerdebatte, denn es geht um Ihre Region»
Markus Kägi, Zürcher Baudirektor

Wie stark eine Region bei der Standortfrage mitreden kann – und vor allem, ob sie auch etwas zu sagen hat –, war denn auch eines der Kernthemen sowohl in den einführenden Referaten wie an der Diskussion: «Was Sie sagen, wird berücksichtigt!», rief der Zürcher Baudirektor Markus Kägi einleitend in den Saal. «Engagieren Sie sich, es geht um Ihre Region!» Die Votanten aus dem Publikum waren anderer Meinung. «Was passiert denn, wenn keine der ausgewählten Regionen ein Endlager will?», fragte jemand. Thomas Feurer, der Schaffhauser Stadtpräsident, sass ebenfalls im Publikum und hatte darauf eine Antwort: «Eigentlich haben wir gar nichts zu sagen.» BFE-Vertreterin Monika Jost konterte, dass die Regionen bei allen Phasen der Standortsuche grosse Mitspracherechte hätten und dass ihre Einwände ernst genommen würden. «Und da darf jeder mitmachen. Nicht nur Politiker oder Experten. Sie alle können sich mit Ihren Anliegen in Bern melden, beim Kanton oder auf Ihrer Gemeinde», ergänzte Regierungsrat Kägi. Vor allem aber, sagte BFE-Expertin Jost, könne das Volk gegen einen Standortentscheid des Bundesrates das Referendum ergreifen und habe somit das letzte Wort. Allerdings, das musste sie zugeben, eben nur das Schweizer Volk als Ganzes. Eine Region also nicht. Weitere Fragen drehten sich um grundsätzliche Themen, etwa, woher man denn wisse, dass so ein Lager auch in Hunderttausenden von Jahren noch sicher sei. «Eine absolute Sicherheit gibt es nicht», sagte Nagra-Experte Markus Fritschi. Es gelte, die bestmögliche Lösung zu finden. Ein anderer Votant meinte, noch vor 80 Jahren habe man radioaktive Zahnpasta verkauft, deren Wirkung von ETH-Experten bestätigt worden sei. «Woher wissen wir, dass die heutige Expertenmeinung zur Lagerung von radioaktiven Abfällen nicht genau so ein Unsinn ist?»

«Zürich Nord-Ost» statt Weinland

Und dann kam die Diskussion auf eine Namensänderung zu sprechen. Denn die Behörden reden neuerdings nicht mehr vom möglichen Standortgebiet Zürcher Weinland, sondern von «Zürich Nord-Ost». Dies, so erklärte die Benkemer Gemeindepräsidentin Verena Strasser, weil eben nicht nur das Weinland von einem Endlager betroffen wäre, sondern insgesamt 39 Gemeinden, davon acht im Kanton Schaffhausen, drei im Thurgau und vier in Deutschland. Weitere Informationsveranstaltungen gibt es am 15. September in Neunkirch, am 13. Oktober in Jestetten und am 2. November in Blumberg. In Neunkirch werden auch Vertreter der Schaffhauser Kantonsregierung teilnehmen.

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