15.03.2011, Schaffhauser Nachrichten

Wie Japan die Endlager-Debatte beeinflusst

Kein Zweifel: Die Vorfälle in den Atomkraftwerken in Japan haben auch Folgen für die Endlager-Suche in der Schweiz. Durchaus auch positive, sagen die Experten.

von Jan Hudec und Zeno Geisseler

Sehen sich durch die Unfälle in Japan gestärkt: Gegner eines
Endlagers in der Region Schaffhausen, hier an einer Demon-
stration im letzten

Bild Selwyn Hoffmann

Die Suche nach einem Endlager für radio- aktive Abfälle in der Schweiz und das Desa- ster in den japanischen Atomkraftwerken nach dem Jahrhundertbeben vom letzten Freitag haben rein technisch kaum etwas miteinander zu tun. Emotional aber gibt es sehr wohl Verbindungen, auf nationaler wie auf regionaler Ebene.

«Wenn man es sehr zynisch betrachten will, spielt uns dieses Ereignis in die Hände», sagt Gabriela Buff, Präsidentin von Klar! Schaffhausen, einem Verein, der sich für den Ausstieg aus der Kernenergie und gegen ein Endlager in der Region stark macht. «Wir haben aber nicht eine solche Katastrophe gebraucht, um gegen die Atomenergie zu sein. Uns war auch vorher klar, dass es gelinde gesagt eine schwierige Energie ist.» Aufgrund der Ereignisse in Japan werde die Diskussion sicher breiter geführt.

«Wenn man es sehr
zynisch betrachten
will, spielt uns die
Katastrophe in den
japanischen AKWs
in die Hände»

Gabriela Buff
Präsidentin Klar! Schaffhausen

Auch Markus Meyer, Geschäftsführer des Forum Vera, das sich ebenfalls mit der Entsorgung radioaktiver Abfälle befasst, ist von einem Einfluss auf die Endlager-Debatte überzeugt: «Die Ereignisse in Japan haben deutlich gemacht, dass wir für unsere radioaktiven Abfälle eine rasche und sichere Lösung finden müssen», sagt Meyer. «Denn jede Form der Tiefen- lagerung ist sicherer als die Lagerung der Abfälle heute.» Er kann sich gut vorstellen, dass die Vorfälle in Japan letztlich sogar einen positiven Effekt auf die Endlager-Debatte haben könnten, weil sie vielleicht dazu beitragen, schneller einen Konsens zu finden.

Klar!-Vertreterin Buff kontert, ein Tiefenlager sei nicht die einzige Prämisse. «Wir müssen über Alternativen nachdenken. Es ist zu hoffen, dass die Ereignisse etwas in den Köpfen bewirkt haben. Die Frage nach der Lagerung des Atommülls mag im Moment etwas in den Hintergrund gerückt sein, aber ich glaube nicht, dass die Leute dieses Problem aus den Augen verlieren.»

«Kurze Halbwertszeit»

Welchen Einfluss die Katastrophe auf das Abstimmungsverhalten der Leute habe, sei schwer zu sagen, so Buff. «Solche Ereignisse haben oft eine kurze Halbwertszeit. In jedem Fall müssen wir unsere alten Kernkraftwerke auf ihre Sicherheit hin überprüfen.»

Dieser Ansicht ist auch Regierungspräsident Reto Dubach. Die Schaffhauser Kantonsre- gierung unterstütze den Entscheid von Bundesrätin Doris Leuthard, die Bewilligungen für neue Atomkraftwerke in der Schweiz vorläufig zu sistieren. «Es ist richtig, zuerst die geltenden Sicherheitsstandards in der Schweiz zu prüfen und allenfalls anzupassen», sagte Dubach auf Anfrage. Gestern hatte auch die Konferenz der 26 kantonalen Energiedirektoren ihre Unterstützung für den Entscheid des Bundesrates bekannt gegeben. Wie Dubach weiter sagte, rechnet der Kanton im Einklang mit den Bundesbehörden nicht mit gesundheitlichen Folgen für die Einwohner des Kantons.


Umweltradioaktivität

Der Bund veröffentlicht seine Messresultate aktuell auf dem Internet

Ständig überwacht wird die Radioaktivität in der Luft vom Bund: Mit Radair (Réseau Auto- matique de Détection dans l’Air d’Immissions Radioactives), einem automatischen Messnetz, verfügt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) über ein Instrument zur frühzeitigen Erkennung eines Anstiegs der Radioaktivität. Eine Erhöhung der künstlichen Aktivität ist in einer halben Stunde nachweisbar. Zudem betreibt das BAG seit 1993 ein Netz von Hoch-Volumen-Aerosolsammlern (HVS). Heute sind fünf Stationen in Betrieb an den Stand- orten Oberschrot FR, Monte Ceneri TI, Güttingen TG, Cern bei Genf und Klingnau AG. Die HVS-Filter werden jeweils nach einer Woche analysiert. Die aktuellen Daten von Radair und die wenigen Tage alten Resultate der HVS sind auf der Homepage des Bundesamtes für Gesundheit (Themen/ Strahlung, Radioaktivität und Schall/ Umweltradioaktivität/On Line) einsehbar. (rob)


Kanton Schaffhausen

Zusammenarbeit bei Strahlenmessung

Wie Kantonschemiker Kurt Seiler auf Anfrage erklärt, gehe von den beiden Radionukliden Jod und Caesium (134, 137), die in Japan freigesetzt wurden, keine Gefahr für die Menschen in der Region aus: Jod habe eine kurze Halbwertszeit, «auch wenn die Winde die Nuklide zu uns wehen würden – was zurzeit nicht der Fall ist –, könnte man bei uns vermutlich nur ganz geringe Mengen in der Luft feststellen».

Caesium-Isotope hingegen haben eine längere Halbwertszeit und finden sich nach deren Freisetzung in der Umwelt - so gelangen sie auch in Nahrungsmittel: Weil aber Europa und die Schweiz wenig Lebensmittel aus Japan importierten, drohe auch über den Handel kaum eine Gefahr. Und: Die zulässigen Höchstwerte von Iso-topen in Nahrungsmitteln sind in der Fremd- und Inhaltsstoffverordnung des Bundes geregelt. Seiler: «Die Einhaltung dieser Grenzwerte wird auch überprüft.» Das Interkantonale Labor Schaffhausen kann selbst nur grobe Untersuchungen der Radioaktivität vornehmen: Wenn die Konzentrationen wie jetzt deutlich unter den Grenzwerten liegen, drängen sich solche Untersuchungen zudem nicht auf. Für feinere Messungen einzelner Isotope arbeitet man mit anderen kantonalen Laboren zusammen. Gesetzt den Fall, dass eine grosse Anzahl von Proben anfällt und die Partnerlabore bereits ausgelastet wären, hat Schaffhausen eine Vereinbarung mit einem privaten Labor in Teufen abgeschlossen: Dort könnten die vorliegenden Proben untersucht werden. «Auch in dieser Hinsicht sind wir abgesichert», sagt Seiler. (rob)

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