18.07.2011, Schaffhauser Nachrichten

Tiefenlager mit Atom-Verarbeitungsfabrik

Die Debatte um die Standorte für Tiefenlager bekommt zusätzliche Brisanz: Die Nagra plant dort auch Fabriken, wo hoch radioaktive Abfälle verpackt werden sollen.

von Edith Fritschi

Ein Grund mehr zum Protest gegen das Tiefenlager: Die Nagra
hegt brisante Pläne.

Bild Selwyn Hoffmann

Die «SonntagsZeitung» hat die Debatte um den möglichen Endlagerstandort Benken neu aufgerollt und bringt Aspekte ins Spiel, die bisher untergegangen sind. In der gestrigen Ausgabe schreibt sie, die nationale Genos- senschaft für die Lagerung radioaktiver Ab- fälle (Nagra) habe bisher nur unzureichend über ihre Pläne informiert und brisante Details unter dem Deckel gehalten. Sei man bisher davon ausgegangen, dass an den möglichen Tiefenlager-Standorten zur Ent- sorgung hoch radioaktiver Abfälle – wozu auch Benken gehört – der Abfall fertig ver- packt ankommt und in den Untergrund ver- frachtet wird, so stelle sich nun heraus, dass auch eine «Verpackungsanlage» geplant sei. Unter diesem Begriff versteht die Nagra eine «heisse Zelle», ein Hochsicherheitsgebäude, in dem stark strahlende Brennstäbe, die in speziellen Behältern angeliefert werden, bearbeitet werden.

Von diesen Plänen hatte offensichtlich auch die Schaffhauser Regierung keine genaue Kenntnis – oder sie hat die Brisanz der Pläne unterschätzt: «Das Gefahrenpotenzial einer solchen Fabrik ist viel grösser, als man uns bisher weismachen wollte», sagt Regierungsrätin Ulla Hafner-Wipf. Sie ist empört, dass die Nagra solch brisante «Details» bisher quasi unter dem Deckel gehalten hat. «Meist wurde nur von der Oberfläche, Rampen und einem Schacht gesprochen», sagt sie. Stutzig gemacht habe sie aber, dass man dafür eine solch enorme Oberfläche brauche. Nun sei ihr klar, weshalb. Wenn ein Hochsicherheitsgebäude für die Verarbeitung strahlender Brennelemente geplant sei dann sei, die Ausgangslage komplett anders: «Da wurden Tatsachen verschwiegen, damit sich kein breiterer Widerstand formiert», meint sie. Und: Das Partizipationsverfahren, zu dem die Bevölkerung eingeladen wurde, müsse nun anders verlaufen, betont die Regierungsrätin, die sich per Mail mit Regierungspräsident Reto Dubach in Verbindung setzte, der sich, wie sie, ebenfalls in den Ferien befindet. «Wir haben schon gegen das Tiefenlager protestiert», sagt Dubach auf Anfrage der SN. «Jetzt, wo das ganze Ausmass bekannt wird und es auch um oberirdische Einrichtungen geht, müssen wir uns erst recht wehren.» Ein Tiefenlager in dieser Agglomeration komme nicht in Frage und eine Fabrik, die radioaktiven Müll neu verpacke, erst recht nicht, lautet sein Verdikt.

Ganz so neu ist die Nachricht indes nicht. In einem Gespräch über die Tiefenlager mit Nagra-Geschäftsleitungsmitglied Markus Fritschi und Armin Murer, Leiter der Nagra Öffent- lichkeitsarbeit, in den SN vom 28. Januar 2010 hiess es: Ein «wichtiges Gebäude der gesamten Anlage wird die sogenannte Verpackungsanlage sein – eine Art Umladestation, in der die vom Zwilager angelieferten hoch radioaktiven Abfälle in kleinere Behälter für die Endlagerung umgepackt werden». Diese Neuverpackung soll übrigens von Robotern ausgeführt werden. Offenbar war aber auch der Regierung die Brisanz nicht ganz klar. «Wir fordern die Nagra auf, künftig Klartext zu reden und und transparenter zu kommunizieren», sagt Ulla Hafner-Wipf.

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