09.10.2012, Schaffhauser Nachrichten

Interview Thomas Ernst, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Nagra

«In der Nagra kennt niemand die Standorte»

Es sei völlig falsch, dass das Zürcher Weinland als Standort für das Atommüll-End- lager bereits feststehe, verteidigt sich Thomas Ernst, Geschäftsleiter der Nagra.

Von Sidonia Küpfer

Thomas Ernst von der Nagra ist sicher,
dass auch in der zweiten Etappe noch
mehr als zwei Standorte evaluiert werden.

Bild zvg/Nagra

Thomas Ernst bläst derzeit ein steifer Wind ins Gesicht. Ein Artikel in der «SonntagsZeitung» legte nahe, dass trotz der laufenden Standortsuche für ein geologisches Tiefenlager für die Nagra längst klar sei, wo einst die Endlager gebaut werden sollen: Ein internes Dokument zeichnet im Gebiet Zürich Nordost (Zürcher Weinland) das Lager für hoch- radioaktive Abfälle ein und im Gebiet Jura Ost (Bözberg) das Lager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Nun wehrt sich Thomas Ernst im Interview mit den SN, der Artikel sei falsch, das Papier missinterpretiert.

Herr Ernst, wie viele Standorte kommen für die Endla- gerung der Atommüll-Abfälle heute noch infrage?

Thomas Ernst: Es kommen unverändert sechs Standort- gebiete infrage. Was gestern in der «SonntagsZeitung» stand, ist in unseren Augen eine krasse Fehlinterpretation. Das zitierte Papier ist ein Nagra-internes Arbeitspapier. Es dokumentiert einzig die Planung von Feldarbeiten in einem Referenzfall.

Wenn es nicht die Verengung auf zwei Standorte ausdrückt, was sagt denn dieses Papier aus?

Ernst: Es handelt sich um eine Aktennotiz, also ein Arbeitsmittel, und nicht um ein Geheimpapier, wie die «SonntagsZeitung» schrieb. Es ist vom Ressortleiter Feldarbeiten für unsere Fachleute zur Ermittlung von benötigten finanziellen und personellen Mitteln für Feldarbeiten angefertigt worden. Es wurde nicht zuhanden der Geschäftsleitung oder des Verwaltungsrats erstellt.

Aber wozu braucht es dieses Papier?

Ernst: Es geht darum, für ein Grundszenario, wir nennen das ein Referenzszenario, das grundsätzliche Vorgehen für die detaillierte Untersuchung eines möglichen Standortes aufzuzeigen. Für die Budgetierung sowie für die Kostenstudie, die wir alle fünf Jahre dem Bund abliefern, müssen wir die Kosten möglichst genau errechnen. Dazu braucht man ein Referenzszenario, anhand dessen man den finanziellen Aufwand errechnet. Immerhin kostet eine solche Exploration rund 100 Millionen Franken.

Lassen sich die Kosten nicht anhand von Variablen berechnen?

Ernst: Nein, die Fachleute müssen konkrete Vorstellungen von der Geologie eines Standortes haben. Was ist nötig, um diese Geologie genauer zu untersuchen? Wie gross ist das Gebiet, wie viele Bohrungen sind wo nötig? Wenn unsere Fachleute eine Planung erstellen müssen, dann machen sie keine hypothetischen Planspiele, sondern sie definieren ein konkretes Referenzszenario.

Warum wurde denn gerade das Zürcher Weinland zum Referenzszenario?

Ernst: Es sind ja zwei Gebiete: das Weinland und das Gebiet Bözberg. Wenn man sich die Karte der möglichen Standorte anschaut, dann gibt es drei Gebiete, die für die Lagerung hochaktiver Abfälle überhaupt infrage kommen. Zwei dieser drei finden sich in unserem Szenario. Das ist nicht so eine wahnsinnige Überraschung.

Genau das sagen die Betroffenen im Weinland auch: Aber weil sie den Eindruck haben, dass die Region längst an vorderster Stelle steht, um Standort zu werden.

Ernst: Unbestritten, das Referenzszenario ist kein absurdes, unwahrscheinliches Szenario. Aber jedes Unternehmen, das eine Strasse oder einen Tunnel baut, definiert ein Grund- szenario, aber man hat selbstverständlich auch noch Alternativen.

Aber spurt man den späteren Entscheid nicht vor, wenn man bei der Planung jeweils das Weinland und den Bözberg zum Referenzszenario erklärt?

Ernst: Im letzten Winter machten wir eine grosse Seismikkampagne, die rund 15 Millionen Franken kostete. Wir schauten Jura Ost an, Jura Südfuss, Nördlich Lägern und auch Südranden. Im Zürcher Weinland waren wir nicht, weil wir dort schon genügend aus- sagekräftige Messresultate hatten. Wir würden doch nicht so viele Messungen machen, wenn das nicht nötig und wichtig wäre.

«Zwei von drei Gebieten
für die Lagerung hoch-
radioaktiver Abfälle finden
sich in unserem Szenario»

Thomas Ernst
Geschäftsleitung der Nagra

Es gibt also keinerlei Einengung auf zwei Standorte?

Ernst: Folgen wir doch einmal der unterstellten Hypothese, dass die Nagra schon weiss, wo das Endlager stehen wird. Das nützt doch gar nichts. Schauen wir uns das Verfahren an: Die Nagra hat einzig die Kompetenz und die Aufgabe, Vorschläge zu machen, welche Standorte weiter bearbeitet werden sollen. Sie muss diese Vorschläge begründen und erklären, warum andere Standorte ausser Konkurrenz fallen sollen. Wir müssen das mit Berichten dokumentieren, die aufgrund von technisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen geschrieben wurden. Diese Berichte reichen wir Ende 2013 oder Anfang 2014 den Behörden ein. Dann prüft das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) mit Unterstützung der Expertengruppe Geologische Tiefenlager die Berichte, und die eidgenössische Kommission für nukleare Sicherheit ist für eine unabhängige weitere Beurteilung zuständig. In der darauffolgenden Vernehmlassung können Kantone, Gemeinden und Interessengruppen Stellung nehmen. Schliesslich arbeitet das Bundesamt für Energie (BFE) eine Botschaft an den Bundesrat aus, und der Bundesrat entscheidet.

Dass nicht die Nagra entscheidet, ist klar. Aber als Expertengremium hat ihr Vorschlag Gewicht.

Ernst: Natürlich hat unser Vorschlag Gewicht. Aber unsere Vorschläge sind abhängig von den Untersuchungsresultaten und nicht von Szenarien. Wir sind zurzeit an den Auswertungen der Seismik und führen weitere Untersuchungen durch. Aufgrund dieser Ergebnisse werden wir die Vorschläge machen. Ob das die im Referenzszenario geschilderten sind, ist offen.

Schlägt die Nagra die jetzt erwähnten Standorte vor, wäre das sehr unglücklich.

Ernst: Ich werde keine Prognosen abgeben, wie unsere Vorstellungen lauten. Aber als Ergebnis der Etappe 2 werden sicher mehr als zwei Standorte weiterverfolgt werden. Es werden zwischen drei und fünf sein, sicher nicht zwei. Und: In der Nagra weiss heute noch niemand, welches diese Standorte sein werden.

Es heisst, aufgrund der seismischen Messungen werde ein Standort ausscheiden. Welcher?

Ernst: Wie gesagt, ich gehe davon aus, dass nach dem zweiten Entscheid des Bundesrates 1 bis 3 Gebiete wegfallen werden.

Und die seismischen Untersuchungen sind dabei ein wichtiger Faktor?

Ernst: Ja, die Seismik ist einer der wichtigen Faktoren, die wir auswerten. Hinzu kommt die Anordnung der Oberflächenanlagen, die nun die Regionen mit einer Zusatzschlaufe (siehe Kasten) evaluieren. Dann untersuchen wir nochmals breit die Wirtgesteine aus früheren Bohrungen aus allen Gebieten. Über all das hinweg läuft ein sicherheitstechnischer Vergleich der sechs Gebiete, der quasi das Hauptelement ist. Da zeigen wir auf, welche Gebiete belastbare Nachteile haben und welche sicherheitstechnisch als besser geeignet eingestuft werden. All das führt zur Priorisierung und zum möglichen Ausschluss gewisser Gebiete.

Nach dem gestrigen Bericht sagten Beteiligte der Partizipationsverfahren, sie fühlten sich verschaukelt.

Ernst: Das kann ich verstehen. Wenn das, was in der «SonntagsZeitung» steht, stimmen würde, dass wir eine vorgefasste Meinung hätten und dass der Bund das gar noch stütze, dann wäre das Partizipationsverfahren tatsächlich eine Alibiübung. Aber dem ist in keiner Art und Weise so. Das kann man an einem Beispiel illustrieren.

An welchem?

Ernst: Nachdem wir Anfang des Jahres 20 mö gliche Standorte für die Oberflächenanlagen vorgeschlagen hatten, kam schnell der Vorwurf auf, wir hätten den Grundwasserschutz zu wenig gewichtet. Die Kantone forderten eine neue Gewichtung der Faktoren, deshalb gibt es nun neue Kriterien. Wir machen jetzt das ganze Screening nochmals. Sollte sich herausstellen, dass es bessere Standorte gibt, so werden wir neue Vorschläge machen zuhanden der Regionalkonferenzen. Das ist doch wirklich der Beweis, dass die Partizipation funktioniert und die Kantone sowie die Regionen Mitsprache haben.

Das hat aber auch zu einem Vertrauensverlust geführt: Wenn die Nagra aufgrund von Inputs von Laien nochmals über die Bücher muss, beurteilt sie denn die anderen Faktoren richtig?

Ernst: Dann liegt aber ein gröberes Missverständnis vor: Es ist in keiner Art und Weise so, dass wir den Gewässerschutz nicht beachtet hätten. Wir haben Grundwasserschutzzonen und Grundwasserschutzareale a priori ausgeschieden, nicht aber den Gewässerschutz- bereich Au, mit dem die Randgebiete der Grundwassernutzung geschützt werden. In dieser Zone kann man in der Schweiz durchaus industriell bauen. Vier der fünf Kernkraftwerke stehen in der Gewässerschutzzone Au, ebenso das Zwischenlager in Würenlingen, Chemieanlagen und der Güterbahnhof Spreitenbach. Es gab auch schon den Vorschlag, man würde besser die atomaren Abfälle im Zwischenlager Würenlingen umpacken, um das Grundwasser weniger zu gefährden. Daran sieht man, auf welchem Niveau, Entschuldigung, von einigen Exponenten argumentiert wird. Eine solche Anlage in der Zone Au zu bauen, ist eher die Regel als etwas Exotisches.

Thomas Ernst rechnet nicht damit, dass
er zurücktreten muss.

Bild zvg/Nagra

Führt nicht der Wissensunterschied zwischen Nagra-Fach- leuten und den Laien im Partizipationsverfahren immer wieder zu Missverständnissen?

Ernst: Dieser Unterschied war zu Beginn des Partizi- pationsverfahrens vor einem Jahr tatsächlich gross. Der Bund bildete diese Leute aus, und sie hatten innerhalb dieses ersten Jahres einen beachtlichen Know-how-Zu- wachs.

Aber die Vertrauensbasis zwischen der Nagra und den Regionalkonferenzen ist doch eindeutig angeschlagen. Das zeigte sich daran, dass, weil die Vertreter den von der «SonntagsZeitung» angeführten Vertrauensbruch für mög- lich hielten.

Ernst: Wenn man den Präsidenten einer Regionalkonferenz am Sonntagmorgen um acht Uhr anruft und er natürlich den «SonntagsZeitung»-Artikel noch nicht im Detail kennt, dann ist es schwierig für ihn, den Sachverhalt zu beurteilen. Die heftigen Reaktionen sind verständlich und nachvollziehbar. Nun muss auch das BFE informieren. Wir selbst haben bereits gestern eine Medienmitteilung veröffentlicht, und selbstverständlich suchen wir mit den Regionalkonferenzen das Gespräch, um aufzuzeigen, dass diese Geschichte so, wie sie am Sonntag dargestellt wurde, einfach nicht stimmt. Ich habe ein gutes Gewissen und ein gutes Gefühl dabei. Es gibt nun aber viel Arbeit, um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen. Dem müssen wir uns stellen.

Professor Wildi hat bereits gefordert, dass die Nagra-Führung zurücktritt.

Ernst: Herr Wildi hat in den letzten Monaten zu diesen Themen schon viel gesagt, wie auch sein Kollege Marcos Buser, der ein Köpferollen beim Ensi verlangte. Nun fordert Herr Wildi dasselbe bei der Nagra. Wir haben in unserem Haus eine offene, saubere und fundierte Arbeitsbasis. Ich stehe auch explizit zu dem Mitarbeiter, der das Papier verfasst hat. Er hat nichts falsch gemacht, er hat allenfalls eine etwas ungeschickte Darstellungsform dieser Folie gewählt. Falsch ist jedoch, dass so ein Dokument unkommentiert die Nagra verlassen kann. Und nochmals: Wir haben nichts zu verstecken. Es stimmt nicht, dass dieses Dokument mehr darstellt als ein Referenzszenario, und es ist in keiner Art und Weise so, dass wir nicht dem Sachplan verpflichtet sind und wir unsere Unterlagen nicht ergebnisoffen auswerten.

Und das ist kein Abtrittsinterview?

Ernst: Ich gehe ganz klar nicht davon aus. Selbstverständlich ist der Verwaltungsrats- präsident über all diese Vorgänge informiert, und wir haben nach wie vor ein gutes Einvernehmen.

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