11.10.2012, Tages-Anzeiger

Das Gift des Geheimdokuments

Atommüll Der Bund muss auf Distanz zur Nagra gehen. Nur so kann er Akzeptanz gewinnen für Lagerorte radioaktiver Abfälle.

Von Felix Maise

Egal ob wir für oder gegen AKW sind – um die Aufgabe, den Schweizer Atommüll so sicher wie möglich zu entsorgen, kommen wir nicht herum. Jahrelang hat der grundsätzliche Streit um die Atomenergienutzung die Suche nach Standorten für geologische Tiefenlager er- schwert. Seit Fukushima und dem Ausstiegsentscheid ist eine günstigere Situation ent- standen: Auch Atomkraftgegner können jetzt Hand bieten zu einer konstruktiven Lösung der Entsorgungsfrage.

Geologie allein reicht nicht

Das Misstrauen gegenüber der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra), die im Auftrag der AKW-Betreiber und des Bundes dieser schwierigen Aufgabe nachkommt, ist aber nach wie vor gross. Seit dem Bekanntwerden des Papiers der Nagra, das nur noch von zwei statt sechs möglichen Lagerstandorten spricht, ist es noch grösser geworden. Schon am Wellenberg in Nidwalden war die Nagra vor Jahren am Misstrauen der Bevölkerung gescheitert, welche ihre Pläne an der Urne mehrmals ablehnte. Und dies obwohl der Untergrund dort verhältnismässig gut erforscht war und für ein Lager schwach- und mittelaktiver Abfälle geeignet schien. Seither ist klar, dass die passende Geologie allein nicht reicht. Auch die Abschaffung der kantonalen Entscheidungskompetenz löst das Problem nicht. Wie aber gewinnt man die Akzeptanz einer Region für eine undankbare Aufgabe im nationalen Interesse?

Die unabhängigen
Fachleute werden
als Störenfriede
ausgegrenzt.

Mit Geld und Vertrauen. Vom Ersten mag man beim Bund und der Nagra nicht gern reden, obwohl das beim zentralen Atom-Zwi- schenlager im aargauischen Würenlingen vor Jahren gut geklappt hat. Das Zweite versucht der Bund mit seinem Sachplanverfahren herzustellen. Nur mit dem frühzeitigen Einbezug der Bevölkerung und einem transparenten, ergebnisoffenen Auswahlverfahren sei die Akzeptanz einer Region zu erreichen, sagt das Bundesamt für Energie (BFE), das nach dem Wellenberg-Fiasko die Federführung im heiklen Dossier von der Nagra übernommen hat.

Allerdings gibt es nicht erst seit der jüngsten Indiskretion Zweifel, ob in der Atomentsorgung heute tatsächlich die Bundesbehörden das Sagen haben. Denn das BFE und die Atomkontrolleure des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi) pflegen seit Jahren einen sehr engen, pfleglichen Kontakt mit der Nagra. Die wenigen unabhängigen und kritischen Fachleute, die es gibt, werden gleichzeitig zunehmend als Störenfriede ausgegrenzt statt in die Diskussion einbezogen. So geschehen mit Geologieprofessor Walter Wildi, immerhin Vater des heute gültigen Atomlagerkonzepts. So geschehen auch mit dem Geologen Marco Buser, der als kritischer Nachfolger Wildis in der Kommission für nukleare Sicherheit diesen Sommer unter Protest den Hut genommen hat, weil er nicht länger bloss eine Alibifunktion wahrnehmen mochte. Nicht das BFE, sondern die Nagra habe bei der Atomlagersuche das Sagen, stellte Buser fest.

Kulturwandel nötig

Gross ist der Ärger im BFE über das vertrauliche Nagra-Papier, das den Kritikern recht zu geben scheint. Die vom BFE eilends einberufene Aussprache mit der Nagra ist der Versuch, diesem Eindruck entgegenzutreten, von eigenen Schwächen und den Mängeln des Sachplanverfahrens abzulenken und Vertrauen zurückzugewinnen. Dafür braucht es aber nicht die Gelbe Karte an die Nagra, sondern ein wirklich ergebnisoffenes, faires Stand- ortauswahlverfahren. Und dafür braucht es einen Kulturwandel nicht nur bei der Nagra, sondern vor allem auch im BFE. Gefragt ist mehr kritische Distanz und Unabhängigkeit.

Dass die Stromwirtschaft wenig Freude hat, alle möglichen Standorte gründlich abzuklären, ist verständlich. Weitere teure Abklärungen in eher unwahrscheinlichen Regionen erscheinen der Nagra und ihren finanziell geschwächten Geldgebern unnötig. Nötig sind sie aber für die Glaubwürdigkeit des Auswahlverfahrens. Sonst kann man die eingeleitete Partizipa- tionsübung gleich abbrechen und dazu übergehen, in Benken und auf dem Bözberg sich Akzeptanz mit üppigen Abgeltungen zu kaufen.

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