17.11.2012, Schaffhauser Nachrichten

«Wir sind ganz am Anfang»

Mit der Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle befasste sich der Geologe Marcos Buser in einem Referat vor Ärzten.

Von Erwin Künzi

Thomas Feurer und Marcos Buser (stehend, von links)
sprachen zur nuklearen Entsorgung.

Bild Selwyn Hoffmann

«Nuklearentsorgung Schweiz: Krankheit, Anamnese, Diagnose und Therapie» – unter diesen Titel hatte der Geologe und Sozialwissenschaftler Marcos Buser sein Referat am Donnerstagabend im Restaurant «Time Out» in Schaffhausen gestellt. Die Wahl der medizinischen Terminologie war kein Zufall, sprach Buser doch aus Anlass der Jahresversammlung der «Ärztinnen und Ärzte für soziale Verantwortung / zur Verhütung des Atomkrieges Schweiz». Buser hat sich intensiv mit der nuklearen Entsorgung beschäftigt und gehörte bis im Juli dieses Jahres der Kommission für Nukleare Sicherheit des Bundes an, bis ihm der Kragen platzte: «Ich wollte nicht mehr ständig gegen eine Wand reden», erklärte er seinen Rücktritt. Was man in Bern nicht hören wollte, wiederholte er in Schaffhausen. Seine Kritik an der Suche nach einem Endlager für radioaktiven Abfall, wie sie zurzeit im Rahmen des Sachplans abläuft, umfasst folgende Punkte: Man tut so, als könne man das Problem in den Griff bekommen. Dabei geht es um gewaltige zeitliche Dimensionen: Es dauert fünf bis zehn Generationen, bis ein Endlager definitiv verschlossen werden kann, weitere 300 Generationen müssen sich des Lagers bewusst sein und sich entsprechend verhalten. Es geht also um praktisch unüberschaubare Zeiträume, und trotzdem wird heute schon behauptet, man besitze die Lösung für das Problem, dabei, so Buser, «sind wir ganz am Anfang».

Grosse Wissensunterschiede

Ein weiterer Kritikpunkt Busers ist die Organisation des Prozesses. Es fehle eine strategische Führung ebenso wie die Aufsicht des Bundes über die Nagra (Buser: «Die Kontrolleure befinden sich unter der Kontrolle der Kontrollierten.»). Die Aufsicht werde verunmöglicht, da die grossen Wissensunterschiede zu einer massiven Abhängigkeit und dazu führe, dass die Nagra aus dem Hintergrund das Programm bestimme. «Es gibt Kooperation statt Aufsicht, die Rollen vermischen sich, da sich alle Beteiligten als Mitglieder der ‹nuclear community› verstehen», so Buser. Das Bundesamt für Energie (BfE) habe mit seinem Verhalten jeglichen Kredit verspielt. Um das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen, brauche es eine Kultur der Skepsis und des Hinterfragens, eine Qualitätskontrolle sowie den Willen, die Öffentlichkeit mit einzubeziehen. «Das BfE hat sehr, sehr viel zu lernen», meinte Buser.

Frage nach richtiger Lösung

In einem zweiten Referat berichtete Stadtpräsident Thomas Feurer von seinen Erfahrungen in den beiden Regionalkonferenzen. Er komme zu den gleichen Schlüssen wie Buser, meinte er. «Ist ein Tiefenlager die einzige richtige Lösung für die Entsorgung des nuklearen Abfalls?» Diese Kardinalfrage stelle sich ihm, und er sei nicht sicher, ob die Antwort der Nagra die richtige sei, so Feurer. Auch er kritisierte das BfE und meinte: «Es braucht jemanden, der den Prozess führt und die Bevölkerung ernst nimmt.» Seine und die Aussagen Busers wurden anschliessend lebhaft diskutiert, wobei auch Markus Fritschi, Geschäftsleitungsmitglied der Nagra, das Wort ergriff.

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