09.02.2013, Schaffhauser Nachrichten

Neue Zonen für Endlagertore

Wo sich Oberflächenlager für Atommüll erstellen liessen, muss von Neuem ge- prüftwerden. Die Vorschläge der Nagra stiessen bei der Regionalkonferenz Zürich-Nordost auf Ablehnung.

Von Mark Gasser

Die dunkelgelben Stellen markieren die Potenzialräume im Ge-
biet Zürich-Nordost. Rot schraffiert die (oft ähnlichen) Vor-
schläge des Kantons Zürich. Gelb schraffiert die Oberflächen-
standorte, die für ein Endlager nicht in Frage kommen.

Grafik SN/Nagra

Es überraschte eigentlich nach den nega- tiven Reaktionen im Vorfeld nicht: Die vier Standortvorschläge für eine Oberflächen- anlage eines möglichen Tiefenlagers im Weinland wurden im regionalen Mitwirkungs- verfahren hochkant verworfen. Die Vollver- sammlung der Regionalkonferenz, welcher Vertreter aus den betroffenen Gemeinden und Verbänden im Planungsperimeter «Zü- rich-Nordost» angehören, ist am Donners- tagabend im Ausbildungszentrum Andelfin- gen der Beurteilung der eigenen Unter- gruppe Oberflächenanlagen (OFA) gefolgt.

In den meisten Fällen gingen die 65 Teil- nehmer der Vollversammlung einstimmig mit der Fachgruppe einig, dass die bisher vor- geschlagenen vier Standorte nicht geeignet sind. Damit folgte die Fachgruppe auch der Haltung des Kantons Zürich, der die Standorte aus Gewässerschutzgründen ablehnte. Die Fachgruppe hatte aufgrund einiger Hauptkriterien (Standort/Umland, verkehrsmässige Feinerschliessung, Siedlung/Landschaft, Gewässer, Emissionen) einige Ausschlusskriterien herausgearbeitet: Insbesondere die Nähe zum Grundwasservorkommen war ein «Killerkriterium», ausserdem erwies sich bei zwei Standorten im Marthaler Gewerbegebiet sowie bei Schlatt die Nähe zu Wohn- und Arbeitsgebieten als ungünstig. Bewaldetes Gebiet hingegen ist für die Fachgruppe – im Gegensatz zur Nagra – kein Ausschlussgebiet.

Der Rheinauer Stefan Keller wollte wissen, ob denn das Bauen in Gewässerschutzbereichen heutzutage nicht unbedenklich sei. Worauf der Leiter der Fachgruppe Oberflächenanlagen, Adrian Lacher, entgegnete, dass er selber auf dem Bau zwar auch oft im Ge- wässerschutzbereich Projekte realisiert habe. Aber Unsicherheiten blieben. «Und wir sind ein Laiengremium – wir wollen auf Nummer sicher gehen.»

«Jeder sagt sich:
Je weiter weg,
desto besser»

Daniel Meister
Gemeindepräsident,
Dachsen

Stefan Jordi vom Bundesamt für Energie (BFE) wandte ein, dass erst in der Abklärungsphase vom Ensi (der Aufsichtsbehörde des Bundes) und vom BFE abschliessend beurteilt werden könne, ob eine gewässer- schutzrechtliche Bewilligung überhaupt notwendig wäre. Ein Nagra-Dokument mit den Spielregeln für diese Prüfung werde im Mai fertig. Solche Abklärungen sind – aus Sicht der Regionalkonferenz – zumindest für die vier Standorte wohl nicht mehr nötig, da sie am Donnerstag verworfen wurden.

Jürg Grau, der Präsident der zwölfköpfigen Leitungsgruppe der Regionalkonferenz, meinte: «Von jetzt an reden wir von alternativen Potenzialräumen, die sich aufgrund der von der Fachgruppe erarbeiteten Kriterientabellen anbieten.» Nun, der Fächer für neue Standorte ist damit wieder geöffnet. Im Gegensatz zur Regionalkonferenz Südranden, die die Aufgabe, die Standorte zu gewichten, ganz von sich wies (SN vom 24. Januar), will die Fachgruppe OFA neue Standortareale innerhalb dieser Potenzialräume bis im April bewerten. Die Standortkantone unterstützen die Region dabei.

Regionalpartizipation
Die Suche geht weiter

Potenzialräume Anhand einer an der Re- gionalkonferenz genehmigten Kriterienliste hat die Nagra nun Gebiete als Potenzial- räume für Oberflächenanlagen (OFA) be- zeichnet. Die Fachgruppe OFA wird nun auf- grund weiter gehender Kriterien bis im April eine Eingrenzung innerhalb der Potenzial- räume vornehmen. Die Kantone nehmen ihre eigene Bewertung vor. Danach bezeichnet die Nagra, gestützt auf Kriterien der Regio- nen und Kantone, mindestens einen Stand- ort für eine OFA pro Planungsregion.
Vorgehen Die Fachgruppe OFA wird nun mit dem Raumplaner in den eigenen Reihen im Detail prüfen, welche Infrastrukturen, so etwa Strassen und Wildtierkorridore, diese Poten- zialräume tangieren.
Gesellschaftsstudie Die Gruppe «Sozioö- konomische Wirkungsstudie» soll bis Ende 2013 Zusatzfragen für die später folgende Studie der Nagra erarbeiten. Die Ergebnisse dieser Gesellschaftsstudie sollen Ende 2014 vorliegen.

Auch die Besetzung der Fachgruppe OFA wird damit wieder diskutiert werden müssen. So dachte der Dachsemer Gemeindepräsi- dent Daniel Meister laut nach über eine Erweiterung der 20-köpfigen Fachgruppe mit politischen Vertretern aus den Gemeinden nach, die in diese Potenzialräume fallen – so etwa ein Querstreifen südlich von Dachsen und Uhwiesen oder das ganze Gebiet ausserhalb des Gewässerschutzbereichs Au zwischen Benken und Marthalen. Auch das Gebiet nördlich von Trüllikon bis hin fast zum Dickihof am Fusse des Kohlfirstes und des Hochwachtturms gehört neu dazu. Aus politischer Sicht sei es nun erforderlich, sich näher mit der Thematik in der Fachgruppe auseinanderzusetzen, meinte Meister. Es gehe in erster Linie darum, sich zu engagieren, obwohl naturgemäss jeder sage: «Je weiter weg, desto besser.»

Neue Gebiete noch nicht beurteilt

Da zuerst das Kriterienraster der Fachgruppe OFA abgesegnet werden musste, wurde noch nicht über die Gebiete diskutiert. Auf den ersten Blick fiel jedoch auf, dass die Vor- schläge des Kantons Zürich in weiten Teilen deckungsgleich mit denjenigen der Fachgrup- pe sind (siehe Grafik). Der Neuhauser Gemeindepräsident Stephan Rawyler als Vertreter des Kantons Schaffhausen meinte, er bewundere die Arbeit der Laienarbeitsgruppen. Doch am Ende würde die Bezeichnung neuer Gebiete «in ein Schwarzpeterspiel ausarten».


Nachgefragt Adrian Lacher, Fachgruppe Oberflächenanlagen (OFA)

«Wir sagen ungefähr, womit wir leben könnten»

Adrian Lacher
Leiter Fach-
gruppe OFA

Adrian Lacher, die Fachgruppe Oberflächenanlagen hat aus regionaler Sicht Kriterien für die nun vorliegenden Potenzialräume der Nagra ausgearbeitet. Kommen für Sie grundsätzlich alle Potenzialräume in Frage?

Adrian Lacher: Sieben der Potenzialräume, die die Nagra gemäss unserem Auftrag ausgewiesen hat, werden von uns jetzt mittels Negativ- und Toleranzkriterien bewertet. Auf zwei von der Nagra vorgeschlagenen Flächen wäre der Zugang allerdings nur untertags unmöglich: Beringen/Neuhausen liesse sich unter bewohntem Gebiet hindurch und wegen Unterquerung des Rheins nicht realisieren. Und der Thurgraben im südlichen Weinland (Andelfingen/Humlikon) ist als sogenannte Quartärrinne, in der Lockergestein vorkommt, ebenfalls nicht geeignet. Bei den übrigen Räumen in unserem Perimeter werden wir eine Güterabwägung machen, voraussichtlich bis im April.

An der Regionalkonferenz wurde gesagt, dass Ihre Fachgruppe ein Laiengremium sei. Doch am Ende haben die von kantonalen Experten bezeichneten Potenzialräume viele fast deckungsgleiche Gebiete ergeben. Bestätigt Sie das?

Lacher: Ja, es ist eigentlich verblüffend, wie ähnlich die errechneten Potenzialräume der kantonalen Fachleute zu denjenigen sind, die aufgrund unserer Kriterien resultierten. Beim Gewässerschutzbereich Au und den 500 Metern Siedlungsabstand sind wir etwas restriktiver als der Kanton. Die Resultate des Kantons bestätigten uns aber, dass wir als Laiengremium nicht total neben den Schuhen stehen. Der Kanton sagt, dass strategisch wichtige Grund- wassergebiete tabu sind. Das Gebiet etwa beim Marthaler Steinacker würde aufgrund der Kriterienliste des Kantons nicht durchkommen, weil es auf einer mächtigen Grund- wasserschicht liegt.

Wird sich die Nagra nach Ablehnung ihrer eigenen vier Standortvorschläge hüten, ein zweites Mal denselben Standort vorzuschlagen?

Lacher: Wenn die Nagra das tun würde, müsste man sich fragen, ob sie uns noch ernst nimmt. Ich will das der Nagra aber nicht unterstellen. Wenn, dann würde sie aber wohl einen Standort so abändern, damit er konform mit unserer Kriterienliste in den Potenzialraum hineinkommt .

Andere Fachgruppen in anderen Regionalkonferenzen sehen vor, konkrete Standorte vorzuschlagen. Sie vermeiden das. Wieso?

Lacher: Ja, wir haben das so beschlossen. Alles andere wäre politischer Selbstmord. Die Fachgruppe hat von Anfang an gesagt, dass es nicht unsere Aufgabe ist, selbst konkrete Vorschläge einzubringen. Wir sagen einfach ungefähr, womit wir leben könnten, falls das Lager in unsere Region käme.

Können jetzt auch Vertreter aus anderen Gemeinden zu Ihrer Fachgruppe stossen?

Lacher: Ja, ich denke, dass das im Fall von Benken sicher der Fall sein wird. Und zwar wegen der schlichten Grösse desjenigen Potenzialraumes, der zum grössten Teil auf Benkemer Gemeindegebiet liegt. Ein grösserer Potenzialraum hat vielleicht weniger Konfliktpotenzial als ein kleinerer. Doch die Nagra muss nun innerhalb der von uns vorgeschlagenen Potenzialräume die Standorte festlegen – und zwar parzellenscharf.

Interview Mark Gasser

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