23.03.2013, Schaffhauser Nachrichten

«Südranden sagt niemandem etwas»

Bei der Suche nach einem Endlager für den Atommüll überbieten sich die Akteure mit irreführenden Wortschöpfungen und möglichst unklaren Gebietsbezeich- nungen.

Von Bodo Lamparsky

Werden in einem «geologischen Tiefenlager» Steine gesammelt? Und was geschieht in «Oberflächenanlagen», für die man in «Potenzialräumen» nach «Positivflächen» sucht?

Wenn es um das Endlager für den Atommüll und die acht Hektar grosse Verladestation für die radioaktiven Abfälle geht, dürfen die Begriffe nur ja nichts Gefährliches vermuten lassen. Sie müssen möglichst sauber und harmlos wirken und sollten die Sache nicht beim Namen nen- nen. Verwedeln ist angesagt. Das gilt auch für die meisten der infrage kommenden Standorte: Aus dem Bözberg wurde «Jura-Ost», aus Klettgau oder Schaffhausen «Südranden», aus dem Weinland «Zürich-Nordost», und im Zürcher Unterland wird im Gebiet «Nördlich Lägern» nach einer Lagerstätte gesucht.

«Die Absicht, den
Bürgern etwas
vorzumachen, ist
leicht erkennbar.
Die Glaubwürdigkeit
des Verfahrens
wird dadurch erst
recht untergraben»

Jean-Jacques Fasnacht
Arzt und Atomkraftgegner

Jean-Jacques Fasnacht, Hausarzt aus Benken und Endlagergegner der ersten Stunde, kritisiert diese «Pseudo-Ausdrücke». Die Absicht, den Bürgern etwas vorzumachen, sei leicht erkennbar, sagt er. «Die Glaubwürdigkeit des ganzen Verfahrens wird dadurch erst recht untergraben.»

Mitgemacht an den Wortklaubereien haben alle. Der Begriff «geologi- sches Tiefenlager» entstammt dem Kernenergiegesetz, das die Bun- desparlamentarier verabschiedet haben. Die «Oberflächenanlagen» sind eine Erfindung des Bundesamtes für Energie (BfE). Die Atom- kraftwerksbetreiber hatten sie ursprünglich «Empfangsanlagen» nen- nen wollen, wurden vom BfE aber zurückgepfiffen. «Schliesslich geben wir dort ja keine Apéros», scherzt Nagra-Geschäftsleitungsmitglied Markus Fritschi. Die «Potenzialräume» haben dann die Kantone eingeführt. Die «Positivflächen» wurden in den Fachgruppen der lokalen Behörden kreiert. Und die diffusen Gebietsbezeichnungen ent- sprangen dem Wunsch der Regionen.

Weinland will kein «Atomland» sein

«Für uns ist das extrem wichtig, dass nicht mehr vom Weinland, sondern von Zürich-Nordost gesprochen wird», sagt Hannes Huggel, Kommunikationsleiter der Standortorganisation «Pro Weinland». Man sei daran, mit bescheidensten Mitteln eine Marke aufzubauen und wolle nicht plötzlich als «Atomland» abgestempelt werden. «Pro Weinland» habe deshalb vor Jahren an der Winti-Messe bei der Nagra interveniert, als diese in einem Wettbewerb nach dem «Weinland» als möglichen Standort für ein Atommüll-Endlager fragte.

Die Benkemer Gemeindepräsidentin Verena Strasser hat den Namenswechsel anders in Erin- nerung. Die Regionalkonferenz der lokalen Behörden habe die Bezeichnung «Zürich-Nord- ost» ausgeheckt, nachdem die Nagra den Nachweis für die Machbarkeit der Atommüll- entsorgung im Weinland erbracht hatte. Der neue Begriff sollte nicht mehr auf eine Gemeinde oder Region hindeuten. «Es kann ja nicht sein, dass man in der Endlagerfrage immer nur von einer Gemeinde spricht», sagt Strasser.

Benken war seit den Probebohrungen 1994 – wie auch der Innerschweizer Wellenberg – zu einem Synonym für «Atommülldeponie» geworden. Dies allerdings vor allem ausserhalb der Landesgrenzen, wie Atomkraftgegner Fasnacht festgestellt hat. Gemeindepräsidentin Strasser sagt, die Gleichsetzung mit dem möglichen Endlager habe Benken denn auch «nicht wirklich geschadet.» Konkrete Auswirkungen der Atommülldiskussion sind jedenfalls nicht bekannt. Und in Benken gab es nach den Nagra-Bohrungen auch nicht weniger Baugesuche als anderswo in der Umgebung.

Kein besetzter Begriff

Für Schaffhausen hingegen glaubt Wirtschaftsförderer Thomas Holenstein, dass der Image- schaden schon eingetreten ist. Er selbst verhielt sich dabei stets vorsichtig: Kamen amerika- nische Investoren auf Besichtigungstour, machte er tunlichst einen Bogen um die gelben Anti-Atomfässer, die eine Zeit lang im Klettgau vielerorts zu sehen waren. «Je mehr man darüber kommuniziert, desto mehr macht man das Thema bewusst», sagt er.

Immerhin ist es auch in Schaffhausen gelungen, die ursprünglich vom BfE geplante Standort- bezeichnung abzuwenden. Dazu hatte Holenstein gemeinsam mit dem früheren Regierungsrat Erhard Meister in Bern Druck gemacht. «Schaffhausen» hätte gleichsam den ganzen Kanton zum Sinnbild für ein Atommüll-Endlager gemacht. Mit «Klettgau» wäre der Bezug zu Kornkammer und Weingebiet auf dem Spiel gestanden. «Südranden» dagegen ist kein be- setzter Begriff. «Südranden sagt niemandem etwas», sagt Holenstein und freut sich, dass sein Coup geglückt ist. «Jetzt reden alle vom Südranden.»

Gorleben lässt grüssen

Ein paar Hügel weiter südlich ist auch der Bülacher Stadtrat Hanspeter Lienhart durchaus froh, dass die dortige Tiefenlageroption «Nördlich Lägern» heisst – und nicht etwa «Bülach/Glattfelden» oder «Zürcher Unterland». Als Präsident der gleichnamigen Regional- konferenz hält er die Bezeichnung insofern für richtig, als die Standortsuche noch nicht abgeschlossen ist und ein grösseres Gebiet umfasst. Spätestens aber, wenn definitiv feststeht, wo das Endlager hinkommt, da macht er sich keine Illusionen, werde die Standortgemeinde beim Namen genannt. «Wofür Gorleben steht, weiss die ganze Welt.»

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