19.04.2013, Schaffhauser Nachrichten

Stilllegung der AKW: Noch sind 11 Milliarden nötig

Die Regionalkonferenz Südranden reagierte auf Zweifel, ob der Entsorgungsfonds rechtzeitig genügend Geld aufbringt, und lud zwei Experten zur Diskussion.

Von Sidonia Küpfer

Peter Gasser erklärt der Regionalkonferenz Südranden die
Berechnungen für den Stilllegungs- und Entsorgungsfonds,
nachdem Zweifel geäussert wurden, das nötige Geld könnte
nicht rechtzeitig zusammenkommen.

Bild Selwyn Hoffmann

60 Vertreter der Regionalkonferenz Südran- den, welche die Suche nach einem Standort für ein geologisches Tiefenlager kritisch begleiten, machten sich am Mittwochabend im Hombergerhaus mit den neusten Entwick- lungen vertraut. In Gastreferaten ging es um die Frage, ob die nötigen Gelder in den von den Kernkraftwerken geäufneten Entsor- gungs- und Stilllegungsfonds bis zum Ende der Laufzeiten zusammenkommen.

Kaspar Müller, Präsident der Anlegerstiftung Ethos, schlug Alarm: 11 der geschätzten 20 Milliarden Franken fehlten noch und das in Zeiten, in denen der Strommarkt weniger Gewinne liefere. Das Kernenergiegesetz las- se zudem eine Lücke offen, denn die Kern- kraftwerke müssten ihren Verpflichtungen dereinst nur nachkommen, wenn dies «wirt- schaftlich zumutbar» sei. Zur Not werde wohl auf die Steuerzahler zurückgegriffen, befürchtet Müller. Peter Gasser, stellvertretender Geschäftsführer des Stilllegungs- und Entsorgungs- fonds, beschwichtigte: «Wir sollten ans Ziel kommen, dafür stehe ich ein.» Allerdings musste er zugeben, dass noch ein rechtes Stück fehle. Sollte zum Schluss zu wenig Geld da sein, so werde zuerst das Eigenkapital des entsprechenden Kraftwerks angezapft. In einem zweiten Schritt hafteten die Kernkraftwerke solidarisch füreinander. Erst dann würde auf die Allgemeinheit zurückgegriffen. Ein Delegierter fasste zusammen: «Bezahlen müssen wir sowieso: ob als Stromkonsument über höhere Preise oder als Steuerzahler.» Stephan Rawyler, Präsident der Regionalkonferenz Südranden, gab zu bedenken, dass in erster Linie die Kantone in der Verantwortung ständen: «Der Bund kann sich an den Kosten beteiligen, er kann sich aber auch dagegen entscheiden.»

Weiter informierte die Regionalkonferenz über ein aktuelles Antwortschreiben des Bundes- amtes für Energie, das einen Antrag der Regionalkonferenz ablehnte: Zusatzfragen, die von mindestens drei Regionalkonferenzen gestellt werden, werden nicht in die sozioökonomisch-ökologische Wirkungsstudie (SÖW) und somit in den Standortvergleich aufgenommen. Präsident Rawyler erklärte, die Kantone hätten eine Verwässerung der regionalpolitischen Anliegen befürchtet. Die SÖW-Studie, die im Frühling 2014 veröffentlicht werden soll, dient als eine der Grundlagen für die Eingrenzung der möglichen Tiefenlagerstandorte auf mindestens zwei, die im Juni 2014 vorgenommen wird.

Ende März hatte die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) zwei neue Standorte für Oberflächenanlagen in Neuhausen am Rheinfall und in Guntma- dingen vorgeschlagen. Für das neu ins Zentrum des Interesses gerückte Neuhausen wurden mit Wendel Oberli und Anuschka Bossi zwei neue Delegierte gewählt, nach dem Rücktritt von Renzo Loiudice. Erfreut äusserte sich Präsident Rawyler über die Wahl zum neuen Dele- gierten von Jürg Grau, dem Präsidenten der Regionalkonferenz Zürich Nordost. Rawyler, der seinerseits dort Einsitz hat, erklärte: «Das ist wichtig. Denn man sieht bei den Potenzial- räumen: Alles liegt ganz nah beisammen.»


Nagra erarbeitet sich einen Verhaltenskodex

Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) will einen Ver- haltenskodex in eigener Sache erarbeiten, um «die Transparenz nach innen und nach aussen zu erhöhen». Sie reagiert damit auf die Kritik, die ein internes, jedoch publik gewor- denes Papier auslöste. Wissenschaftlich gut zu sein, sei eine Voraussetzung für eine sichere Entsorgung, wird Nagra-Verwaltungsratspräsident und FDP-Ständerat Pankraz Freitag in einer Medienmitteilung von gestern zitiert. Wissenschaftlichkeit allein reiche aber nicht aus. Man stehe im Fokus der Öffentlichkeit und müsse darum «höhere Ansprüche an eine transparente Arbeitsweise erfüllen als andere». Die Nagra sei «stark von der Aussenwirkung abhängig». Mit dem Verhaltenskodex, der zusammen mit externen Fachleuten und den Mitarbeitenden bis Ende Jahr erarbeitet werden soll, will die Genossenschaft auch (sda)

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