05.12.2013, Schaffhauser Nachrichten

Von Neuhausen aus ins Endlager

Es wird langsam konkreter: Die Nagra hat erstmals detaillierte Pläne und Illustrationen zur möglichen Oberflächenanlage eines Tiefenlagers im Südranden vorgestellt.

Von Zeno Geisseler

So soll die Anlage im Neuhauser Wald aussehen. 1. Verpa-
ckungsanlage, 2. Behandlungsanlage für Betriebsabfälle,
3. Lüftung, Bergwasserbehandlungsanlage, 4. Feuerwehr,
Werkstatt, Lager Betriebsmittel, 5. Aufbereitungsanlage für
Verfüll- und Versiegelungsmaterialien, 6. Elektrogebäude,
7. Verwaltung, 8. Besucherzentrum, 9. Eingangsschleuse
Bahn, Eingangsschleuse Anlieferungsterminal LKW

Grafik: Nagra

Wo die Schweiz ihren radioaktiven Abfall ent- sorgen wird, ist nach wie vor nicht ent- schieden (siehe Kasten). Der Südranden im Kanton Schaffhausen ist aber einer von sechs möglichen Standorten für die Lage- rung von schwach- und mittelaktiven Abfäl- len, und seit gestern Abend ist das Bild, wie denn eine solche Installation in unserer Region aussehen könnte, klarer geworden. Die Nagra hat an der 10. Vollversammlung der Regionalkonferenz Südranden im SIG- Haus in Neuhausen erstmals eine vertiefte Planungsstudie zur Oberflächenanlage vor- gestellt und gleichzeitig auch Visualisie- rungen mitgebracht.

Die Planungsstudie befasst sich mit dem Standort SR-4 im Gebiet Brentenhau im Neuhauser Wald. Das Gebiet liegt voll- ständig auf Neuhauser Gebiet, etwa zwei Kilometer von der Beringer Wohnzone und etwa drei Kilometer von der deutschen Gemeinde Jestetten entfernt. Wie auch vier weitere, von der Nagra vorgeschlagene Standorte im Kanton war SR-4 von der Regionalkonferenz explizit als ungeeignet abgelehnt worden. SR-4 gilt für die Konferenz mit gewissen Auflagen (unter anderem einem Bahnanschluss) aber immerhin als «am wenigsten ungeeignet», weshalb die Nagra diesen Standort als Areal für die Platzierung der Ober- flächenanlage bezeichnete. Dort sollen auf einem 6.2 Hektaren grossen, birnenförmigen Gelände die Gebäude des Komplexes gebaut werden (siehe Grafik).

Standortsuche Zeitplan

Aktuell befindet sich die Standort-
suche in Etappe 2, der Auswahl
von je mindestens zwei möglichen
Standorten für schwach- und mit-
telaktive Abfälle (SMA; diese
stammen aus den Kernkraftwer-
ken, aaber auch aus Medizin und
Forschung) und für hochaktive
Abfälle (HAA; das sind vor allem
verbrauchte Brennstäbe aus den
Kernkraftwerken). Zwei separate
Lager oder ein Kombilager für
beide Abfallarten sind möglich
Bis 2019/20 soll die definitive
Standortwahl erfolgen. Der
Bundesrat entscheidet über die
Standorte, das Parlament geneh-
migt den Entscheid. Auch ein Re-
ferendum ist möglich. Anschlies-
send erfolgt der Bau des Lagers.
2030 (frühestens) Inbetriebnahme
des Lagers für SMA-Abfälle.
2040 (frühestens) Inbetriebnahme
des Lagers für HAA-Abfälle.

Ob eine allfällige Anlage so aussehen würde wie auf den Illustrationen, ist allerdings noch nicht sicher. Ein Thema ist unter anderem, ob man die ganze Anlage nicht gleich ganz unterirdisch anlegen könnte. Falls der Südranden weiter im Rennen bleibt, soll diese Variante laut Bericht geprüft werden. Offen ist im Übrigen aber auch, wo das Lager selbst in den Boden getrieben werden soll, so der Südranden denn zum Zug kommt. Denn das geolo- gische Standortgebiet erstreckt sich bis nach Wil- chingen, gut sechs Kilometer vom Brentenhau entfernt. Der unterirdische Lagerbereich wird erst in der nächsten Etappe festgelegt, entsprechend kann erst dann definiert werden, wie genau der Zugang ins Lager von SR-4 aus erfolgen könnte. Beim unterirdischen Lager hat die Regionalkonferenz im Gegensatz zur Ober- flächenanlage kein Mitspracherecht.

Thomas Fries, Ressortleiter Ingenieurwesen der Nagra, führte die Teilnehmer der Regionalkonferenz durch die gut 80 Seiten starke Planungsstudie. Eine Oberflächen- anlage, wie in der Studie vorgeschlagen, sei grund- sätzlich bewilligungsfähig, sagte er. Offen sei allenfalls eine Rodungsbewilligung. Die Erschliessung könnte mit einem Bahnanschluss von der Enge her über die KBA Hard erfolgen. Die Bahnlinie soll 2,2 Kilometer lang werden, wobei zwei Tunnels in der Länge von 450 Metern (östlicher Tunnel) und 250 Metern (westlicher Tunnel) gebaut würden. Zudem würde mehrere Strassenzufahrten gebaut; eine Strasse würde ebenfalls durch den westlichen Tunnel führen. Fries beschrieb zudem, mit wie vielen Transporten während Bau und Betrieb gerechnet werden müsste. Etwa ein bis zwei Züge pro Woche würden in der Bauphase Material abtransportieren. Radioaktiver Abfall würde laut Bericht etwa 60 Mal pro Jahr, also gut einmal pro Woche, mit dem Zug angeliefert.

Axpo: Entsorgung ist finanziert

Ein weiteres Thema am gestrigen Abend war die Finanzierung der Stilllegung und Entsorgung der Kernanlagen. Diese Kosten müssen die Betreiber tragen, doch es ist umstritten, ob sie tatsächlich gedeckt sind oder ob am Schluss nicht der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird. Martin Schwab, Finanzchef des Energiekonzerns Axpo, der zu einem kleinen Teil auch dem Kanton Schaffhausen gehört, führte aus, dass die Kosten rund 20,7 Milliarden Franken betrügen und im Entsorgungsfonds derzeit in der Tat bloss 4,8 Milliarden Franken lägen. Trotzdem könne man nicht von einer Finanzierungslücke sprechen. Denn: 5,1 Milliarden Franken seien bis Ende 2012 bereits bezahlt und ausgegeben wor- den, ausstehend seien also nur noch 15,6 Milliarden Franken. Davon seien 4,1 Milliarden Franken für Nachbetrieb und Entsorgung auszulegen, auch diese Kosten würden von den Betreibern direkt bezahlt. Die restlichen 11,5 Milliarden Franken seien einerseits mit den 4,8 Milliarden Franken aus dem Fonds gedeckt, andererseits aber auch mit künftigen Fondsbeiträgen der Betreiber im Umfang von 1,5 Milliarden Franken und vor allem mit Kapitalerträgen auf dem Fonds- vermögen in Höhe von 5,2 Milliarden Franken. Dabei rechne man mit einer konservativen Realrendite von nur zwei Prozent. Zusammen mit einer sehr langen Laufzeit, die letzten Zahlungen würden ja erst ungefähr im Jahr 2100 erfolgen, sei es zwar nicht garantiert, aber doch sehr wahrscheinlich, dass die Ertragsziele erreicht würden. Im Publikum wurden diese Zahlen dennoch kritisch aufgenommen. Unter anderem wurde bezweifelt, ob die Kosten tatsächlich hoch genug geschätzt worden seien. «Die Energiekonzerne haben doch kein Interesse daran, die Kosten zu tief einzuschätzen», entgegnete Axpo-CFO Schwab. Denn wenn einer der drei Kernkraftwerkbetreiber (Axpo, BKW und Alpiq) zahlungsunfähig sei, müssten die anderen Unternehmen einspringen.

Die komplette Studie ist unter www.nagra.ch abrufbar.

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