03.10.2014, Schaffhauser Nachrichten

«Tiefenlagereröffnung 2060 unrealistisch»

Geologe Marcos Buser hat sich einen Namen gemacht als scharfer Kritiker des Prozesses um die Suche nach einem Standort für ein geologisches Tiefenlager. In seinem neuen Bericht untersucht er den bisherigen Ablauf und macht überraschende Vorschläge, wie etwa ein Langzeitzwischenlager zur Überbrückung bis zum Bau eines Endlagers.

Von Sidonia Küpfer

In Marthalen wehren sich Anwohner gegen ein mögliches
Tiefenlager vor ihrer Haustüre.

Archivbild Mark Gasser

2012 bemängelte Geologe Marcos Buser die zu enge Verflechtung zwischen der Auf- sichtsbehörde Ensi (Eidgenössisches Nukle- arsicherheitsinspektorat) und der Nagra, der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle. In seinem neuen Bericht im Auftrag des Ensi rüttelt er an Tabus.

Herr Buser, das Ensi hat als Fazit zu ihrer neuen Studie geschrieben, dass Sie den Entscheid zur Tiefenlagerung atomarer Ab- fälle stützen. Wenn man den Bericht liest, hat man den Eindruck, das sei nur die halbe Wahrheit.

Marcos Buser: Das stimmt. Gewiss bleibt es oberstes Ziel, diese Abfälle aus dem direkten Einflussbereich der Gesellschaft wegzuneh- men. Aber – und das ist ein gewichtiges Aber – wir sind heute noch nicht so weit, dass wir ein sicheres Tiefenlager umsetzen können. Für mich ist das ein entscheidender Punkt: Wir können es uns nicht leisten, wieder dieselben Fehler zu machen wie etwa beim Salzbergwerk Asse oder beim Giftmülllager Stocamine, das geflutet zu werden droht. Dort wollte man jeweils möglichst schnelle Lösungen. Das darf nicht mehr passieren: Wir dürfen keine nuklearen Altlasten produzieren.

Sie sagen, der aktuelle Zeitplan für den Bau eines Tiefenlagers sei viel zu ambitioniert. Wieso?

Buser: Wir hatten dieses Jahr zwei wichtige Mitteilungen: Die Axpo plant, ihre Kernkraftwerke 60 Jahre laufen zu lassen, das sind 10 Jahre mehr als bisher vorgesehen. Natürlich hat dieses Ansinnen auch eine finanzielle Seite, weil noch Geld für den Entsorgungsfonds fehlt. Die zweite Mitteilung kam vom Bundesamt für Energie (BFE): Es brauche für die Standortwahl etwa 10 Jahre mehr. Der Bundesrat wird voraussichtlich 2027 über den Standort entscheiden. Diese Entwicklung war abzusehen. Es zeigt nur, dass die Planungen zu optimistisch waren.

Die BFE plant die Eröffnung des hochaktiven Tiefenlagers für 2060.

Buser: Das ist unrealistisch. Wenn wir von 60jährigen Betriebszeiten ausgehen, wird Leibstadt 2045 abgestellt. Dann braucht es mindestens 35 bis 40 Jahre, bis die letzten Brennelemente abgekühlt sind. Die Einlagerung dieser Abfälle könnte also frühstens 2080 starten, und der Verschluss käme dann frühestens 50 Jahre später. Es wird ganz sicher noch drei bis vier Generationen dauern, bis ein hochaktives Endlager verschlossen werden kann. Das sind Zeiträume, die angesichts so gefährlicher Abfälle Angst machen.

Was gemäss Ihrer Studie wiederum Schwierigkeiten mit sich bringt, weil dann eine Generation die nuklearen Abfälle entsorgen muss, die gar nie von der Kernenergie profitiert hat. Sie befürchten zunehmendes Desinteresse.

Buser: Das ist ein ganz wichtiges Element, das wir aus den konventionellen Sonder- mülldeponien kennen. Bei der Sanierung der grossen Schweizer Deponien wie Kölliken oder Bonfol konnte man über die Öffentlichkeit so viel Druck aufbauen, dass die Betreiber und Eigentümer der Abfälle die Deponien aufräumen mussten. Diese Verursacher gab es noch. Aber was passiert, wenn in 100 Jahren die Kernkraftwerkunternehmen nicht mehr existieren? Dann muss man Regress nehmen auf die Standortkantone oder den Bund. Diese Situation überfordert uns alle. Niemand kann die langfristigen Konsequenzen der Kernenergie realistisch einschätzen. Und wenn man den technischen Fortschritt, die Instabilität im Wirtschaftssystem oder auch die Sicherheitslage auf der Welt betrachtet, so macht dies grosse Sorgen. Wer hätte vor einem Jahr für möglich gehalten, was heute in der Ukraine passiert? Dann sind so gefährliche Abfälle, die an der Oberfläche gelagert werden, ein echtes Problem. Und die wenigsten dürften sich dann für diese Abfälle interessieren.

Deshalb bringen Sie eine neue Idee ein. Sie fordern ein zentrales, gut geschütztes Langzeitzwischenlager bis zum Bau eines Endlagers.

Buser: Wir können mit den heutigen Strukturen die Sicherheit nicht ideal garantieren. Nehmen wir das Zwischenlager Beznau. Das wurde gebaut, als man in Beznau damit rechnete, dass ab 1995 das Tiefenlager Wellenberg stehen werde und dass man 25 Jahre später man mit der Einlagerung der hochaktiven Abfälle beginnen könnte. Heute hat man ein Zwischenlager in Würenlingen, eines in Beznau und ein Nasslager in Gösgen. Diese zersplitterte Zwischenlagerung kann man zwar einige Jahrzehnte betreiben, aber nicht dauerhaft über viele Generationen.

«Wir können mit den
heutigen Strukturen die
Sicherheit von Zwischen-
lagern nicht ideal
garantieren.»

Könnte das bestehende Lager Würenlingen so ein Langzeitzwischenlager sein oder braucht es einen Neubau?

Buser: Diese Frage muss man klären. Ich könnte mir beides vorstellen: ein ganz neues Lager oder ein zusätzlich gesichertes Zwischenlager Würenlingen. Wenn wir über einen Zeitraum von 200 bis 300 Jahren sprechen, dann braucht es ein neues Lager. Wenn wir aber von einer Lösung für die nächsten 100 Jahre reden, könnte eine angepasste Anlage in Würenlingen infrage kommen. Antworten habe ich darauf heute keine. Mir geht es darum, die Diskussion darüber zu lancieren.

Inwiefern braucht es für die Zwischenlager zusätzliche Sicherung?

Buser: Zum einen geht es um das Grundwasser, dann aber vor allem um die Sicherung vor terroristischen Gefahren. Die Zwischenlager spiegeln die Bedrohungen von vor 50 Jahren. Wir müssen neue Bedrohungsszenarien andenken, etwa mit neuen und viel wirksameren Waffensystemen. Natürlich gibt es kein absolut sicheres Zwischenlager, aber es gibt besser geschützte Lager und vor allem besser geschützte zentrale Zwischenlager. Solche Probleme müssen wir angehen, ohne dass wir zu sehr Ängste heraufbeschwören.

Sie empfehlen, die Planungen für ein Tiefenlager voranzutreiben, «unter Einbezug inter- nationaler Beteiligungen». Das ist bislang ein grosses Tabu.

Buser: Stimmt, aber wenn ich mir überlege, dass wir ein Tiefenlager für die hochaktiven Abfälle von fünf Kernkraftwerken bauen wollen, dann ist das doch im Grunde absurd. Dann hätten wir europaweit zum Schluss Tiefenlager zu Dutzenden. Es macht wenig Sinn, für jedes Land ein Endlager zu bauen, zumal es immer schwieriger wird, die Akzeptanz bei der Bevölkerung zu finden. Solche Tabus sollten wir ansprechen.

Heisst das, dass Sie diejenigen Politiker unterstützen, die in der Schweiz gar kein Tiefenlager bauen wollen, sondern eine Kooperation im Ausland bevorzugen?

Buser: Nicht unbedingt. Wir sollten in der Schweiz auf jeden Fall auf dem jetzigen Weg weitermachen, aber die internationale Schiene nicht a priori ausschliessen. Wir sollten prüfen, welche Länder sich grundsätzlich zur Verfügung stellen würden. Dazu muss man realistischerweise sagen, dass heute kaum eine Regierung bereit ist, ausländischen Atommüll aufzunehmen. Aber das kann sich ändern, und von der Sache her wäre es cleverer, wenige Lager zu machen, als viele dezentrale.

Sie kritisieren, dass es in der Schweiz an einer strategischen und integrierten Planung für ein Endlager fehle. Da würden Ihnen Ensi und Nagra wohl widersprechen?

Buser: Das dürfen Sie gerne. Aber wenn man die Geschichte der nuklearen Entsorgung betrachtet, so muss man sagen: Da passierte ein Fehlentscheid am anderen. In der Schweiz ist es ein Problem, dass sich die Entscheidungsträger mit Vorschlägen und anderslautenden Meinungen nicht auseinandersetzen. Nehmen wir das Beispiel Kristallin: Vor 25 Jahren legten Prof. Wildi und ich dar, dass man die Lagerung im Kristallin nicht weiterverfolgen sollte, weil das Gestein nicht explorierbar ist und weil es Klüftungen hat, das bedeutet, dass dort Wasser eindringen kann. Damals wollte man nicht auf uns hören. 2008 kam die Nagra zum selben Schluss, die Lagerung im Kristallin endgültig abzuschiessen. Und so gibt es Dutzende von Beispielen, und die Zeit verstreicht. Das spricht für mich für eine Denkbequemlichkeit und eine Angst davor, Verantwortung zu übernehmen und sich zu exponieren.

Aber die Schweiz hat doch einen Sachplan Tiefenlager?

Buser: Natürlich braucht es so ein solches Instrument, ein Sachplan ist zwingend notwendig, aber der bestehende Sachplan hat auch Konstruktionsfehler, und auf diese müsste man reagieren. Zumal es andere Aufgaben als die Standortsuche gibt, die schon jetzt einzuleiten wären, zum Beispiel im Forschungs- und Sicherheitsbereich.

«In der Geschichte der
nuklearen Entsorgung
passierte ein Fehlentscheid
am anderen.»

Was ist denn für Sie so ein Konstruktionsfehler?

Buser: Zum Beispiel die Frage Schacht oder Rampe. Für mich – und viele andere Fachleute – sind Rampen sicherheitstechnisch sehr viel schlechter als ein Schacht. Eine solche Frage hätte man zuerst umfassend klären müssen. Das hätte man zu Beginn in einem halben Jahr machen können. Und dann hätte die Planung angepasst werden müssen. Bei den Plänen der Nagra sieht man aber faktisch immer nur Rampen. Oder ein anderes Beispiel: Man plant nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben in der Geologie. Man kann also nicht zuerst über Oberflächenanlagen diskutieren, sondern muss zuerst wissen, ob und wo man ein solches Tiefenlager hinbauen kann.

2012 kritisierten Sie, dass zwischen der Nagra und dem Ensi Filz bestehe und das Ensi seine Aufsichtsfunktion nicht korrekt wahrnehme. Nun veröffentlichten Sie eine Studie in dessen Auftrag. Haben sich die Beziehungen zwischen Ihnen und dem Ensi entspannt?

Buser: Ich hatte kürzlich eine Veranstaltung, zu der ich die Nagra, das Ensi und das BFE einlud. Sie kamen alle. Ich habe meine Kritik auch dort in aller Klarheit nochmals wiederholt: So kann man nicht arbeiten. Ich sage das mit grosser Härte, denn wir können es uns nicht leisten, nach aussen den Anschein von Transparenz und Aufsicht zu wahren und im Hintergrund zusammenzuspannen. Ohne glaubwürdige Strukturen werden wir keine tragfähigen Lösungen erarbeiten. Zu ihrer Frage nach dem Auftrag zum Bericht: Dieser war lange vor den Ereignissen 2012 besprochen und erteilt. Aber es ist auch richtig, dass sich die Beziehungen zu Ensi und BFE seit 2012 entspannt haben.

Nun kam es sowohl beim Ensi als auch bei der Nagra zu Wechseln an der Spitze. Verändert sich etwas?

Buser: Das scheint tatsächlich der Fall zu sein. Es sind ganz sicher Korrekturen erfolgt. Aber gewisse grundlegende Probleme bestehen weiter: Die Nagra hat zum Beispiel noch immer die Führung in der Standortsuche. Sie präsentiert Lösungen, die Behörden prüfen dann nur noch die Vorschläge. Ich trete für einen Kulturwandel ein: Das Ensi müsste als Behörde mehr Mut und Engagement in konzeptuellen und strategischen Belangen zeigen. Beispielsweise mehr externe kritische Meinungen einfordern und in die Entscheide einbeziehen Um beim Beispiel Schacht und Rampe zu bleiben: die Konsequenzen aus der Sicherheitsbetrachtung ziehen und Rampenlösung ausschliessen. Dies hätte weitreichende konzeptuelle Folgen.

Bleibt noch die Frage nach dem Standort eines hochaktiven Tiefenlagers:

Buser: Man kennt die Schwachstellen der Standorte Bözberg und Nördlich Lägern. Beim Bözberg sind es die Störungszonen und Thermalwässer und bei Nördlich Lägern sind es Überschiebungshorizonte im Opalinuston und Auffaltungen. Das sind für diese beiden Standorte Ausschluss- oder sogenannte Killerkriterien. Man hätte dies ebenfalls gezielt abklären können.

Sie sehen das Weinland an vorderster Front?

Marcos Buser Geologe

Buser: Ich habe immer dafür plädiert, ehrlich zu sein und Standorte, die nicht infrage kommen, frühzeitig auszu- scheiden und nicht mehr weiter zu untersuchen. Es wäre möglich gewesen, bis zum Schluss der zweiten Phase die oben erwähnten Abklärungen auszuführen. Falls Ende der Etappe 2 klar würde, dass das Weinland im Vordergrund steht, sollte man dies auch sagen und den Leuten reinen Wein einschenken. Von allem Anfang an waren die Rahmenbedingungen nicht dieselben. Wir haben zwei schrumplige Äpfel und einen wurmstichigen, das Weinland. Dort kennen wir die Tiefenerosion noch nicht. Es kann sein, dass in der Schweiz gar schlussendlich kein Standort für ein Tiefenlager infrage kommt. Dann haben wir ein Problem. Das sollten wir möglichst schnell abklären, um nicht weiter unnötig Zeit zu verlieren.

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