19.11.2014, Schaffhauser Nachrichten

Tiefenlager ist negativ für die Umwelt

Eine Studie zeigt, wo ein Tiefenlager zu Problemenführen könnte. Einen Vergleichzwischen den möglichen Standorten wollen die Autoren aber nicht ziehen.

Von Vanessa Buff

So soll die Oberflächenanlage im Neuhauser Wald in die Umgebung
eingebunden werden.

Visualisierung Nagra

Welche Auswirkungen hat ein Tiefenla- ger für radioaktive Abfälle auf die umlie- gende Region? Dieser Frage geht die sozioökonomisch-ökologische Wir- kungsstudie, kurz SÖW, auf den Grund. Nach fast vier Jahren Arbeit wurden die Resultate der Studie gestern in Bern der Öffentlichkeit vorgestellt – doch wer sich davon einen Vergleich zwischen den sechs Standortregionen oder gar eine wegweisende Rangordnung erhofft hatte, wurde enttäuscht. «Entscheidend für die Auswahl des Tiefenlager-Stand- orts ist die Sicherheit. Die SÖW aber hat mit dieser Frage nichts zu tun», machte etwa Simone Brander vom Bundesamt für Energie (BFE), welches die SÖW in Auftrag gegeben hatte, klar. Ziel der Studie sei vielmehr, frühzeitig auf Probleme in den einzelnen Regionen hinzuweisen, damit – stehe der Standort dereinst fest – schnell reagiert werden könne.

Simone Brander
Wissenschaftliche
Mitarbeiterin BFE

«Sicht der Regionen ausgeklammert»

Frau Brander, die Einlagerung von radioaktiven Ab- fällen kann frühestens in ein paar Jahrzehnten beginnen. Ist es überhaupt zulässig, jetzt schon Aussagen über Auswirkungen zu treffen?

Simone Brander: Dinge wie Flächenverbrauch las- sen sich schon heute gut prognostizieren. Aber na- türlich, Faktoren wie Tourismus oder wirtschaftliche Entwicklung sind nur schwer vorherzusagen, auch wenn wir dies teilweise mit dem methodischen Vor- gehen ausgleichen konnten. Die Studie zeigt also nur Potenziale auf. Sie sagt nichts darüber, mit welcher Wahrscheinlichkeit die Auswirkungen ein- treten.

Was ist dann der Sinn der SÖW?

Brander: Ursprünglich sollten dadurch die verschie- denen Standortareale für Oberflächenanlagen innerhalb einer Region miteinander verglichen werden können. Nun gibt es aber sowieso – mit Ausnahme von Nördlich Lägern – nur noch ein Areal pro Region. Die SÖW kann frühzeitig auf Konflikte und Chancen aufmerksam machen.

Die Regionalkonferenz Zürich Nordost kritisiert, dass sie hier zu wenig einbezogen wurde.

Brander: Die Regionalkonferenzen haben alle eine Arbeitsgruppe, die sich mit der SÖW beschäftigt. Dort wurden die Ergebnisse im Vorfeld vorgestellt. Nun haben die Regionalkonferenzen Zeit, die Studie eingehend zu studieren und eine Stellungnahme abzugeben. Zudem ist die SÖW ganz klar ein Expertenbericht mit dem Ziel, die Standorte mit gleichen Ellen messen zu können. Die Sicht der einzelnen Region sollte explizit nicht darin integriert werden.

Interview Vanessa Buff

Mit dieser Einschränkung gingen die Autoren an die Präsentation der Details. Untersucht wurden in der SÖW die wirtschaftlichen, ökologischen und ge- sellschaftlichen Auswirkungen auf den Standort der Oberflächenanlagen sowie auf die gesamte Standortregion. Dazu wurden über 40 Indikatoren, also ob- jektiv messbare Grössen wie beispiels- weise Flächenverbrauch oder Verände- rung der Anzahl Beschäftigter, unter- sucht.

Die SÖW kommt zum Schluss, dass ein Tiefenlager vor allem in den Bereichen Umwelt und Gesellschaft negative Aus- wirkungen hätte. Zudem fallen die un- tersuchten Indikatoren bei den einzel- nen Standortarealen sehr unterschied- lich ins Gewicht. Eine grosse Streuung gibt es etwa in Bezug auf die Raum- planung, wobei der Südranden am schlechtesten abschneidet. Ähnliche Ausreisser verzeichnet dieses Standort- areal auch beim Flächenverbrauch oder bei der Anbindung an den Bahnverkehr. «Neuhausen ist der einzige Standort, der im Wald liegt, der einzige, bei dem also eine Rodung notwendig würde und der verkehrstechnisch noch erschlos- sen werden müsste», erklärte dazu Roman Frick, Gesamtleiter der SÖW (siehe dazu auch Text unten).

Bei den wirtschaftlichen Indikatoren zeigt sich hingegen ein anderes Bild: Hier hat ein Tiefenlager nur geringe Auswirkungen, wie das Bundesamt für Energie bereits 2012 in einem Zwi- schenbericht mitgeteilt hatte. Einziger Ausreisser ist hier der Wellenberg, der in Bezug auf den Tourismus einen negativen Wert verzeichnet.

Keine Softfaktoren

Nicht in die Studie einbezogen wurden sogenannte Softfaktoren oder Image- fragen – dies, weil sie sich nicht objektiv messen liessen, wie die Studienautoren gestern bei der Präsentation erklärten. Eine separate Studie der Kantone soll dies aber nachholen. Erste Ergebnisse daraus sowie die Resultate der SÖW fliessen dann in einen Sythesebericht ein, der im kommenden Jahr den Regionalkonferenzen vorgelegt wird.


Zürich-Nordost Ärger über Nichtberücksichtigung der Regionen

«Was heute publiziert wurde, ist überhaupt nicht mit den Regionen abgesprochen», sagt Harald Jenny verärgert, der in den Regionalkonferenzen Südranden und Zürich-Nordost (ZNO) mitwirkt. Er ist Mitglied der Fachgruppe, die sich mit den Auswirkungen eines möglichen Tiefenlagers auf Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt befasst. Der Schlussbericht der Studie, welche gestern om BfE vorgestellt wurde und die sozioökonomischen und ökologischen Auswirkungen (SÖW) auf die sechs Re- gionen festhält, weise methodische Feh- ler auf, so der Vorwurf der Regional- konferenz ZNO. Diese hätten vermieden werden können, wenn die Regionen bei der Erarbeitung der Berechnungsgrundlagen einbezogen worden wären.

Für die Region Südranden zeigt die Studie eher negative Auswirkungen eines möglichen Lagers für schwach und mittelaktive radioaktive Abfälle auf Siedlungsraum und Umwelt. «Insofern sind die Südrandemer zufrieden mit dem Resultat: Es entspricht ihrer negativen Beurteilung», so Jenny. Laut Jürg Grau, Präsident der Regionalkonferenz ZNO, die sich für eine Mitarbeit der Fachgruppe SÖW bei der Studienerarbeitung starkmachte, sei die Region zu spät am Prozess beteiligt worden. Mit dem Raumplanungsexperten Matthias Hofmann war zwar ein Delegierter der Region ZNO bei der Begleitgruppe Raumplanung dabei. Dass über ihm die regionalen Interessen nicht eingebracht wurden, «war ein Lapsus innerhalb der Regionalkonferenz», so Jenny. «Wir benötigten zwei Jahre, bis wir bemerkten, wie wir diesen Kanal nutzen müssen.» Nun folgt das jahrelange Monitoring der Schlüsselindikatoren. Da hofft die Regionalkonferenz auf regionale Anpassungen: so etwa bei der Gewichtung der Landwirtschaft oder dem – vom BfE nicht bewerteten – Einfluss eines Tiefenlagers auf die Immobilienpreise. Und dass der positive Effekt von «Abgeltungen» auf einer Skala von +5 bis –5 deren +8 Punkte erhalten habe, deute auf eine fehlerhafte Kalibrierung hin. Beim Monitoring soll die Fachgruppe Inputs geben und die SÖW-Studien den regionalen Gege- benheiten anpassen. (M. G.)

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